Nicolas denkt oft an die beiden Träume, die ihn nicht mehr loslassen. Träume, die ihn heimsuchten in den Momenten, als er auf der Grenze stand. Im ersten Traum befindet er sich in einem Raum. Vor ihm auf dem Boden ein Brett voller Nägel. Er fühlt sich, als gebe es keinen Ausweg. Unsicher steht er dort und überlegt. Dann nimmt er Anlauf, dreht sich und schwingt seinen Körper in einem Rückwärtssalto über das Nagelbrett. Der Traum war eine Art Prophezeiung.

Ruhig, beinahe schüchtern steht Nicolas Kutter an diesem Morgen im Mai in seinem Zimmer. Auf den Regalen reihen sich all die Fahrzeuge aus Lego-Technik, die er im Laufe der Jahre in den Krankenhäusern gebaut hat. Draußen hängen dunkle Wolken über Schliersee, einem Ort an der deutsch-österreichischen Grenze. Nicolas ist 19 Jahre alt, er hat kurze, blonde Locken, im Gesicht eine dunkle, eckige Brille. Seit sieben Jahren kämpft er gegen eine Krankheit: akute lymphatische Leukämie. Siebenmal ist sie ausgebrochen und hat ihn für Wochen und Monate niedergestreckt. Sechsmal hat er sie überstanden. Er denkt nicht daran aufzugeben.

Nicolas weiß noch genau, wie das war, 2011. In den Sommerferien ergriff ihn diese Müdigkeit, tagelang lag er mit Gelenkschmerzen im Bett, während seine Freunde draußen spielten. Mit seiner Mutter ging er zum Arzt, wo ihn traurige Blicke trafen. Als sie ihm sagten, dass er Leukämie habe, fragte er zuerst: "Und ist das ansteckend?" Er war ja erst 12.

Sie sagten ihm, dass sein Körper viel zu viele weiße Blutkörperchen herstelle und er keine Angst haben müsse, weil die Heilungschancen bei 90 Prozent lägen, dass aber eine schwierige Zeit auf ihn zukäme. Ich schaffe das schon, sagte er sich und begann mit der Chemotherapie. Ein junger Kämpfer, der nicht ahnt, was auf ihn zukommt, und der vielleicht genau deswegen so furchtlos ist.

Etwa 550 Kinder und Jugendliche erkranken in Deutschland pro Jahr an der akuten lymphatischen Leukämie. Die Überlebenschancen stehen bei der ersten Diagnose sehr gut. Doch sie werden mit jeder Rückkehr der Krankheit geringer. Schon nach einem einzigen Rückfall sinken sie auf etwa 50 Prozent.

Während der ersten Chemotherapie treffen Nicolas schwere Nebenwirkungen. Eines Tages, er hatte die ganze Nacht Wasser getrunken, Liter um Liter, sinkt er einfach in sich zusammen. Sein Körper produziert viel zu wenig Insulin. Als die Sanitäter kommen und das diabetische Koma feststellen, können sie seinen Blutzucker nicht mehr messen, er ist zu hoch für das Gerät. Nicolas versinkt in einem tiefen Schwarz.

Der erste Traum. Auf der einen Seite der Boden voller Nägel, auf der anderen das Nichts.

Schon in dieser Zeit zeigt sich, dass bei Nicolas wenig läuft wie bei anderen Patienten. Nachdem sich sein Zustand stabilisiert hat, finden die Ärzte bei einer Computertomografie einen Riss in der Speiseröhre, der in vielen Fällen zum schnellen Tod führt. Er darf nichts essen, nichts trinken. Als sei das nicht genug, entzündet sich seine Bauchspeicheldrüse so stark, dass sie ihm einen Teil des Organs entnehmen müssen. Die Schmerzen sind kaum zu ertragen. Seine Kindheit, bis hierhin so unbeschwert, ist vorbei. Er darf nicht mehr Tennis spielen, nicht schwimmen, kein Rad fahren.

Die Chemotherapie dauert 13 Monate, nicht neun, wie ursprünglich geplant. Doch danach finden sich in seinem Körper keine Krebszellen mehr. Im November 2012: Erholung auf Sylt. Es scheint, als sei er geheilt.

Kurz nach seiner Rückkehr, nur vier Tage vor Weihnachten, diagnostizieren die Ärzte den ersten Rückfall. Sie haben ein Wort dafür: Rezidiv.

Er habe damals vor allem eines empfunden, sagt Nicolas heute: Angst. An Silvester nimmt er sich vor, den Krebs mit den Raketen in den Himmel zu schießen.

Sein drei Jahre alter Bruder spendet ihm Knochenmark. Nicolas reagiert massiv darauf. Er erkrankt an der Spender-gegen-Empfänger-Reaktion, seine Haut fühlt sich an wie Pergamentpapier, er ist lichtempfindlich, verliert stark an Gewicht und wiegt bald nur noch 37 Kilogramm. Seine Mutter liest ihm aus Jules Vernes 20.000 Meilen unter dem Meer vor. Er erholt sich.

Neun Monate hat er Ruhe. Dann finden die Ärzte Krebszellen in seinem Gehirn und an der Niere. Als sie ihm erklären, dass es sein könne, dass er die linke Niere verliere, blickt Nicolas die Männer und Frauen in den weißen Kitteln an und sagt: Kollateralschaden.

Sein Vater spendet ihm Knochenmark. Wieder die brutalen Nebenwirkungen. Seine Haut beginnt sich abzulösen. Schlafen kann er nur noch im Sitzen, Krampfanfälle, Intensivstation, Koma.

Der zweite Traum. Er sitzt auf einem Stuhl, sein Körper fühlt sich tonnenschwer an. Alles um ihn herum ist hell, er weiß nicht, wo er ist. Aufstehen oder sitzen bleiben? Es könnte so schön sein, so erholsam, sitzen zu bleiben. Doch Nicolas steht auf. Und läuft weiter.

Zwei Tage später wird er wieder wach. Es geht ihm besser und doch – seine Gedanken sind dunkler geworden. Wieso ich?