Frage: Die Berichte mehren sich, dass die Übergriffe gegenüber Christen in China zunehmen. Im Januar dieses Jahres wurde eine große Kirche im Norden Chinas abgerissen. Mehrere Mitglieder der protestantischen Sekte wurden verhaftet. Überrascht Sie das?

Liao Yiwu: Nein, das überrascht mich nicht. Aus der Sicht der chinesischen Staatsführung sind alle Christen, die sich nicht registrieren lassen – also die sogenannten Untergrundkirchen –, Feinde des Systems. Viele christliche Kirchen, darunter auch die katholische, unterwerfen sich der staatlichen Überwachung, um ihren Gottesdienst aufrechterhalten zu können. Sie wurden in der "Bewegung des dreifachen Selbst" organisiert. Diese Bewegung will die Kirchen von ausländischer Finanzierung, fremden Einflüssen und im Falle des Vatikans von dessen Kontrolle befreien.

Frage: Der Vatikan strebt mit China ein Abkommen an, um es den Christen leichter zu machen.

Liao: Ich habe davon gehört. Ich kenne aber auch den vehementen Protest des Hongkonger Kardinals, der diese Annäherung für einen Fehler hält. Er spricht von "Ausverkauf", "Fehleinschätzung" und Naivität des Papstes.

Frage: Und hat er recht?

Liao: Kardinal Joseph Zen weiß: Wer mit dem Teufel eine Vereinbarung trifft, befleckt seine weiße Weste. Der Bürgerrechtler Wang Tang, einer der bekanntesten Wortführer des Protests am Platz des Himmlischen Friedens, ist selbst Christ. Er und seine Mitchristen meinten, der Papst in Rom solle erst einmal mein Buch über die verfolgten Christen lesen, dann würde er vielleicht umdenken.

Frage: Von den etwa 100 Bischöfen sind sieben patriotische von Rom nicht anerkannt. 30 bis 40 Untergrundbischöfe agieren ohne Genehmigung Pekings. Für Ärger sorgen Informationen, wonach Rom bereit sein soll, zwei romtreue Untergrundbischöfe zum Amtsverzicht zu bewegen.

Liao: Es geht den Machthabern in Peking ja auch um den Abbruch der diplomatischen Beziehungen des Heiligen Stuhls zum abtrünnigen Taiwan. Da geht es um Grundsätzliches.

Frage: Sie sind als chinesischer Dissident eine prominente Stimme in der Welt. Ihre Flucht aus China, von der Ihr neuestes Buch handelt, gelang mithilfe der deutschen Regierung. Nun haben Sie die Kanzlerin dazu bewegt, die Ausreise des neulich verstorbenen Nobelpreisträgers Xiao und seiner Familie zu bewirken. Es ging schief.

Liao: Es hätte wohl auch der Hilfe von Macron und Trump bedurft, um die Machthaber umzustimmen.

Frage: Haben Sie daran gedacht, Papst Franziskus in dieser Frage zu kontaktieren? Das hätte doch Teil der Verhandlungsmasse zwischen dem Vatikan und China werden können.

Liao: Wenn dieser Papst Johannes Paul II. gewesen wäre, hätte ich das erwogen. Er hat den verfolgten Christen in den kommunistischen Systemen Hoffnung gemacht. Papst Franziskus ist dagegen für mich der bisher schlechteste Papst der Geschichte.

Frage: Warum?

Liao: Weil er die nicht staatlich reglementierten Christen in Bedrängnis bringt. Und das ist nicht christlich.

Frage: In China gibt es etwa 80 Millionen Christen. Im Jahr 2030 könnten es laut Schätzungen 240 Millionen sein. Was macht das Christentum in China so attraktiv?

Liao: Es hat dem abgeschlossenen Reich einst eine neue Welt eröffnet. Mit der Mission kamen Bildung, Gesundheit und neue Technologien ins Land, die bis heute für den Anschluss an die Moderne, an den Westen wichtig sind. Viele Christen führen heute in China ein Doppelleben. Egal, ob sie insgeheim dem evangelischen oder dem katholischen Glauben anhängen, versprechen sie sich von ihrer Parteimitgliedschaft oft eine Karriere als Beamte oder Ähnliches. Manche, die den Zwiespalt nicht ertragen, gehen ins Ausland.

Frage: Sie saßen von 1990 bis 1994 im Gefängnis, nachdem Sie das regimekritische Gedicht "Massaker" geschrieben hatten. Begegneten Ihnen auch Christen unter den Häftlingen?

Liao: In meinem Zeugenbericht Für ein Lied und hundert Lieder habe ich einen Mitgefangenen beschrieben, er verhielt sich tapfer und las immerfort die Bibel. Seitdem bin ich auf die Christen und ihre Situation aufmerksam geworden.

Frage: Die Christen wurden von fernöstlichen Religionen manchmal dafür bewundert, dass sie so leidensfähig waren und selbst unter Folter ihrem Gott nicht abschworen. Wie überstehen denn die Chinesen das Leiden?

Liao: Im Daoismus gibt es das Rad als Symbol des geschlossenen Ganzen, zusammengehalten durch eine leere Mitte. Auf ihm ist die Geschichte der Menschheit vermerkt. Die kommunistische Diktatur unter Mao Zedong, so furchtbar sie war, nimmt auf diesem ewigen Rad so viel Platz ein wie ein Haar. Die Menschen trösten sich damit, dass das große Ganze überzeitlichen Gesetzen gehorcht. Das Leiden relativiert sich.

Frage: Das erinnert an ein Gedicht von Brecht, der von Laotse geprägt war: "Selbst die Sintflut dauerte nicht ewig. Einmal verrannen die schwarzen Gewässer". Aber er fügte auch resigniert hinzu: "Freilich, wie wenige dauerten länger".

Liao: Brecht war dann wohl Chinese. Die Christen glauben ja, dass das Leid eine Gottesprüfung ist, von Gott gewollt. Das macht sie so stark gegenüber Anfeindungen und Katastrophen. In meinem Buch über verfolgte Christen in China kommt ein Christ vor, der zum Tode verurteilt wurde und seiner Hinrichtung seelenruhig entgegenblickte. Aber natürlich bringen nicht alle Christen den Mut auf, für ihre Überzeugungen einzustehen. Viele knicken ein. Ich halte Kardinal Zen deshalb für einen aufrechten, mutigen Christen, wenn er sich mit Papst Franziskus anlegt. Ihn leitet die Stimme seines Gottes. Sein direkter Draht zum Herrn verleiht ihm den Mut.