Wie schreibt man vom Schmerz eines Vaters, der ein Kind verloren hat? Und wie vom Schmerz eines Kindes, das stirbt und von seinem Vater Abschied nehmen muss? Diese Fragen haben den bald sechzigjährigen amerikanischen Autor George Saunders umgetrieben, seitdem er vor Jahren, noch zu Clintons Präsidentenzeit, in Washington, D. C., am Friedhof von Oak Hill vorbeifuhr und ein Freund ihm sagte, hier liege Lincolns junger Sohn, der zu Zeiten des Bürgerkriegs starb, begraben. Zeitungen hätten damals berichtet, wusste der Freund, "Lincoln sei mehrfach zur Gruft zurückgekehrt, um die Leiche seines Sohnes in den Armen zu halten". Seither stand Saunders ein Bild vor Augen, in dem das Lincoln Memorial in Washington und Michelangelos Pietà ineinander verschmolzen, die Statue Marias mit ihrem toten, fast nackten Sohn auf dem Schoß.

Wohl an die zwanzig Jahre hat Saunders dieses herzzerreißende Bild in seinem Kopf herumgetragen. Er hat, erfolglos, versucht, aus dem Bild ein Theaterstück zu formen. Er hat in seinen Erzählbänden, zuletzt in Zehnter September, das Sterben, den Tod und andere emotionale Grenzerfahrungen so mitreißend gestaltet, dass er bald als einer der besten amerikanischen Geschichtenerzähler galt. Doch damit ihm die richtige Form fürs Leiden der beiden Lincolns zufiel, musste er vom Geschichtenerzähler zum Romancier werden und auch gleich den Roman neu erfinden. Und es ist dabei nicht ein unlesbares Avantgarde-Experiment entstanden, sondern ein Buch, in dem das Bewegende des Stoffes ohne Schmelz und Kitsch zum Ausdruck kommt.

Saunders lässt den amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln in der Nacht nach der Bestattung seines elfjährigen Sohnes Willie auf den Friedhof zurückkehren. Es ist zwei Uhr in der Nacht des 25. Februars 1862, und Lincoln geht zur Gruft, nimmt das tote Kind aus dem Sarg und setzt es auf seinen Schoß. Er legt es zurück, sitzt ein, zwei Stunden trauernd auf dem Friedhof und kehrt dann, da er vergessen hat, die Gruft zu schließen, um vier Uhr nochmals zurück, schaut das Kind ein letztes Mal an, streichelt es, nimmt Abschied. In der Kapelle setzt er sich für ein allerletztes Gedenken auf den Stuhl, auf dem er am Tag vor der Beerdigung bei der Abdankung gesessen hat.

Wie erzählt man das auf glaubwürdige Weise? Wen lässt man sprechen? Und wie? Hier setzt Saunders seine Revolution des Romans ins Werk. Er lässt nicht Lincoln in der ersten Person erzählen. Und auch nicht einen anonymen oder auktorialen Erzähler in der dritten Person. Bei ihm spricht und handelt fast wie ein antiker Chor eine Gruppe von Toten, die auf dem Friedhof in einem Zwischenzustand zwischen Leben und Tod herumspukt (das nur im Titel vorkommende Wort "Bardo" bezeichnet in der Tradition des Buddhismus einen solchen Zwischenzustand). Aber wie diese Toten sprechen und handeln, das übertrifft alle Erwartungen. Sie führen keine soignierten Gespräche, wie sie in einem Dialogroman mit verschiedenen Stimmen in der ersten Person vorkommen mögen. Was wir zu lesen bekommen, sind kurze, ein- bis fünfzeilige Sätze, sozusagen Trompetenstöße in Prosa, die mit dem Namen eines Toten signiert sind und Beobachtungen, Aussagen, Gedanken dieses Toten in der ersten Person enthalten. Jeder Satzblock stammt im Wechsel von einem anderen Toten. Nur in ganz wenigen Fällen umfassen diese Satzstöße der Toten mal eine ganze oder gar mehrere Seiten.

Die Wirkung dieser Erzählweise ist enorm. Man mag zuerst stutzen und stolpern, aber bald findet man sich zurecht, staunt und gerät zuletzt unfehlbar ins Jubilieren über das absolut neuartige Fest der Fantasie, das Saunders für seine Toten ausrichtet. Geführt und umhüllt vom unablässigen Stimmengewisper der Toten, betritt man eine nahezu vollständige Welt neben der unseren. Es sind zwar nur die Toten des Friedhofs von Oak Hill, aber erstens spiegelt sich in der Zusammensetzung dieser Totengemeinschaft das ganze Amerika der 1860er Jahre – von der Sklavenfrage über die puritanische Sexualmoral bis zur Religiosität. Vor allem aber funktioniert Saunders’ Totenwelt nach Regeln, die ein unablässiges imaginatives Feuerwerk auslösen: Die Toten, die für die Lebenden unsichtbar sind, können durch die Lebenden hindurchgehen, ja in sie hineingehen und deren Gedanken mithören. Sogar in sich selbst können die Toten, die in geisterhaftem Schweben neben ihren Körpern wesen, hineingehen. Im Übrigen halten sie sich nicht für tot, ihren Sarg nennen sie "Kranken-Kiste", nichts wäre ihnen lieber, als ins Leben zurückzukehren. Erst wenn sie alle Illusionen verloren haben, verabschieden sie sich in einer "Materienlichtblüte" samt lautem Knall ins Jenseits, in das sie "Peiniger" genannte Geister zweiter Ordnung immer schon locken wollten.

Dieses befremdliche Sprechen und Handeln der Toten ist der goldrichtige Hallraum für die drei Begegnungen des lebenden Abraham Lincoln mit seinem toten Sohn, die Saunders ins Zentrum seines Romans gerückt hat, zwei davon als stillschweigende Nachbildung von Michelangelos Pietà. Beim ersten Mal öffnet Lincoln den Sarg und beginnt seinen toten Sohn zu liebkosen, "während der Knabe danebenstand und seinen Vater drängte und anflehte, doch zu ihm zu schauen, sich um ihn zu kümmern, ihn zu streicheln". Dann setzt Lincoln, nach Art der Pietà, die Leiche auf seinen Schoß und überströmt sie mit Liebesworten, was den Knaben so verzweifeln lässt, dass er sich erst an den Vater schmiegt und dann in sich selber hineingeht. "Da drin, so fest gehalten war ich jetzt zum Teil auch in Vater drin / Und konnte genau merken, was er war." Er vernimmt des Vaters Zweifel, ob es nicht "gottlos" sei, eine Leiche zu umarmen, und sein Versprechen "ich komme wieder". Eine zweite Begegnung scheitert, weil der Nachtwächter sie stört. Die dritte spielt in der Kapelle, in der Lincoln zum Abschied sinniert, und Saunders gestaltet sie als Pietà mit anderen Vorzeichen: Nun ist es der Knabe, der sich, für den Vater unsichtbar, auf dessen Schoß setzt und beim Gedankenlauschen erfährt, dass er tot ist.

Was rettet einen solchen Roman vor dem Kitsch? Stilistisch: Kürze, Tempo, Distanz. Inhaltlich: kunterbuntes Tohuwabohu. Was sich zwischen Lincoln und seinem Sohn abspielt, erreicht uns als prasselndes Stakkato zahlreicher Totensätzchen. Die Innigkeit der Sätzchen des Sohnes wird durch die distanzierten Beobachtungen der anderen Toten ausbalanciert und emotional multipliziert. Und das Presto dieser vielen Varianten umhüllen und unterbrechen üppige, doch ihrerseits wieder ins Schnellfeuer von Kürzestsätzen portionierte Nebenhandlungen: Echte und erfundene Quellenzitate dokumentieren das reale Sterben von Lincolns Sohn und den wachsenden Widerstand gegen Präsident Lincolns Politik im Bürgerkrieg gegen die Konföderierten. Der Tod seines Sohnes beeinflusst Lincolns Haltung zum Töten im Krieg.

Diesen eher realistischen Nebenhandlungen steht ein immer verrückteres Treiben der Toten entgegen. Sie gehen ineinander über und tauschen in dieser "Kohabitation" ihre sexuellen Orientierungen. Sie gehen in Scharen in Lincoln hinein und vergemeinschaften in dieser "Massenbeseelung" ihr Seelenleben. Zum Schluss flackern sie alle hinweg, entmaterialisieren sich ins Jenseits und beschließen in einer Abschiedssymphonie einen Roman, der aberwitzig Unglaubwürdiges literarisch vollkommen plausibel beglaubigt.

Ein solches Buch wird man so bald nicht wieder lesen.

George Saunders: Lincoln im Bardo. Roman; a. d. amerik.Englisch von Frank Heibert; Luchterhand, München 2018; 448 S., 25,– €, als E-Book 19,99 €