In einem abstrus aussehenden, mit Birkenstämmen dekorierten Burger-Lokal am Berliner Hauptbahnhof: Sie wird noch heute Vormittag für einen Workshop im Rahmen des von ihr entwickelten Projekts "Aula" (demokratische Teilhabe an Schulen) den Zug nach Ludwigsfelde nehmen. Marina Weisband, 1987 in Kiew geboren, die Ex-Piratin. Es sind über sie schon Was macht eigentlich ...?-Artikel erschienen, ein paar wirklich erfrischende Talkshow-Auftritte blieben in Erinnerung. Bis heute hat Marina Weisband den Status einer Koryphäe (Mischung aus zartem Äußeren, glockenheller Stimme, kantigen Argumenten, resolutem Auftreten), sie gilt als eine Art geheime Superkraft der Politik. Es war ein cleverer Zug der Grünen, sich die Ex-Piratin, wie vor Kurzem bekannt wurde, als netzpolitische Beraterin für ein neues Grundsatzprogramm zu holen.

Beim Anblick des Ei-Burgers, den sie bestellt hat (sieht lustig aus), kann man nur mit einer ganz großen Frage einsteigen: Ihr Claim in ihrem ersten politischen Leben waren die "neuen politischen Ideen". Welche sind diese im Moment?

Sie erzählt jetzt erst mal, gestern Nacht sei es ein wenig später geworden. Sie habe in einem Vier-Bett-Hostel-Zimmer übernachtet (drei Nächte zu 80 Euro), unter anderem mit einem Typen, der von London nach Peking radelt: "Da musste man natürlich mehr erfahren." Sie guckt extra ungerührt, weil sie ja weiß, dass das Vier-Bett-Hostel und Marina Weisband zusammen ein tolles Bild ergeben. Sie sei gerade wieder mit neuen pädagogischen Ideen unterwegs. Beispiel: die Öffnung des Klassenraums in die Welt.

In Zeiten, in denen die AfD im Bundestag wütet: Ist die Beratung der Grünen in netzpolitischen Fragen da nicht ein bisschen Bla? "Natürlich können wir uns alle hinstellen und sagen: Gauland ist doof. Aber: Wer macht dann Gegenangebote?" Ach richtig: die Gegenangebote. "Ich sehe nicht, was weniger Bla sein könnte als die Entwicklung einer positiven Vision für eine Gesellschaft der Zukunft." Sie kann das beurteilen, weil ihre alte Partei 2012 bundesweit noch bei 13 Prozent stand. Sieht sie eine Chance, dass in fünf Jahren niemand mehr von der AfD redet? Sie habe anfangs auch diese Hoffnung gehabt. Im Gegensatz zu den Piraten, die an neuen Ideen interessiert waren, habe die AfD aber den denkbar erfolgreichsten Inhalt für sich gepachtet: Sie bediene Ressentiments, den Rassismus in der Mitte der Gesellschaft. "Klar, wenn ich etwas Konstantes machen will, dann mache ich Rassismus."

Die Schönsprecherin Marina Weisband. Mist, sie kann so schön sprechen, da kann man beim Zuhören schon mal rausfliegen. Die große Anti-AfD-Demonstration am 27. Mai: War die ein Selbstvergewisserungsquatsch, ein Sich-selber-Streicheln der Berliner Bio-Bourgeoisie, oder war das notwendiger Widerstand? Moment: "Solange das Bürgertum sich selber streichelt, indem es gegen Faschismus aufsteht, bin ich dafür. Was mich eher besorgt, ist, dass der gesellschaftliche Konsens gegen Faschismus ins Wanken gerät." Auf den Punkt: Will sie politische Verantwortung oder eben genau nicht? Jetzt gerade nicht, da sie an pädagogischen Konzepten arbeite, aber grundsätzlich natürlich schon: "Ich will politische Verantwortung, aber zu einem Zweck. Ich kann nicht – zumindest nicht lange – nicht zweckgebunden sprechen."

Noch viel zu besprechen – das Großthema Kinder und Computer zum Beispiel. Ihre einjährige Tochter wird zunächst nur in ihrer Begleitung Computer und Handy nutzen. Weisbands medienpädagogischer Ansatz: "Alles, was sie digital erlebt, sollte sie vorher real erlebt haben." Sie zieht jetzt, du lieber Himmel, ihre Schuhe aus und läuft barfuß zum Gleis.

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