Masterplan – schon das Etikett hat etwas Demonstratives. Da will einer den ganz großen Durchbruch inszenieren. Man wüsste deshalb gerne, wann das Unbehagen der Kanzlerin über die Ambitionen ihres Innenministers begonnen hat. Jedenfalls hat sie ihnen jetzt ein Stoppsignal gesetzt, das mindestens so demonstrativ daherkommt: Nein zur Forderung von Horst Seehofer, Flüchtlinge künftig an der Grenze zurückzuweisen, wenn sie bereits in einem anderen EU-Land registriert sind.

Damit ist der Krach voll entbrannt, der eigentlich nie zu Ende war. Im Sommer 2015 mutierte Horst Seehofer, damals noch Ministerpräsident in Bayern, zum gnadenlosen Kritiker der eigenen Kanzlerin. Dass er an allen Entscheidungen der Bundesregierung als CSU-Chef beteiligt war – drauf gschissn. Seither zieht sich der Konflikt über die Flüchtlingspolitik wie ein Schwelbrand durch die Union, Erregungsroutine stellte sich ein. Doch die wieder entfachte Auseinandersetzung hat eine neue Dimension; Merkels Regierungsbündnis ist fragiler denn je. Die kleinste große Koalition aller Zeiten wird geführt von einer Kanzlerin, die sich in ihrer letzten Amtszeit auf eine implodierende SPD stützt. Horst Seehofer muss sich beweisen. Und die CSU starrt wie gebannt auf die bayerische Landtagswahl.

Auf Biegen und Brechen will sie Erfolge in der Flüchtlingspolitik erreichen, um im Herbst den Kampf mit der AfD einigermaßen zu bestehen. Von der vermeintlichen Konfliktroutine zwischen den Unionsparteien sollte man sich deshalb nicht täuschen lassen. Während alle auf die nächste Scheinbefriedung warten, könnte es auch zum ganz großen Clash kommen. Statt als Masterplaner könnte Horst Seehofer am Ende als Master of Disaster dastehen.

Dabei hatten sich die zänkischen Unionsschwestern im Oktober, noch vor Beginn der Jamaika-Verhandlungen, doch scheinbar auf einen Kompromiss geeinigt. Die Obergrenze hieß nun Richtwert, auch sonst atmete das Konzept wenig von einer Willkommenskultur.

Aus Sicht von Merkel war das ein Schlussstrich, der gerade noch rechtzeitig unter eine selbstzerstörerische Debatte gezogen wurde. Aus Sicht der CSU war das gemeinsame Papier eine gute Ausgangsbasis, um weiter an ihrem eigentlichen Ziel zu arbeiten: einer unmissverständlichen Revision von Merkels Flüchtlingspolitik, die dem Schutz der Außengrenzen und einer europäischen Lösung den Vorrang vor nationalen Grenzschließungen gegeben hatte.

Aus Merkels trotzigem Satz "... dann ist das nicht mehr mein Land" war binnen zwei Jahren eine neue Maxime für die Regierung geworden: "2015 kann, darf und wird sich nicht wiederholen."