James F. Jeffrey war Botschafter im Irak und stellvertretender Sicherheitsberater von George W. Bush.

DIE ZEIT: Botschafter Jeffrey, am Dienstag haben sich Donald Trump und Kim Jong Un in Singapur getroffen. Es war das erste Treffen eines amtierenden amerikanischen Präsidenten und eines nordkoreanischen Führers. Was ist dabei herausgekommen?

James F. Jeffrey: Es ist ein Erfolg, keine Frage. Was die meisten Menschen völlig unterschätzen, wenn sie dieses Treffen mit vorherigen Verhandlungen zwischen den USA und Nordkorea vergleichen, ist die Tatsache, dass die Bedrohung durch Nordkorea massiv angestiegen war. Nordkorea war kurz davor, Amerika mit einer Atomrakete treffen zu können. Und ich weiß von meinen Kontakten in der Regierung, dass die Vereinigten Staaten wiederum kurz davor waren, militärisch auf diese Bedrohung zu reagieren. Trumps Treffen mit Kim hat die unmittelbare Gefahr eines Krieges nun erst einmal beseitigt. Kim hat die letzten Tests, die noch nötig gewesen wären, um zu beweisen, dass er Amerika treffen kann, nicht durchgeführt.

ZEIT: Die amerikanische Einschätzung der Bedrohung durch Nordkorea hatte sich also geändert? Bislang war man doch davon ausgegangen, dass Nordkorea sein Atomwaffenprogramm ausschließlich zum Zweck der Abschreckung betrieb.

Jeffrey: Zentrale Figuren im US-Militär waren zu dem Schluss gekommen, dass Kim Vorbereitungen traf, Südkorea anzugreifen und zu erobern. Wir hätten dann vor der Entscheidung gestanden, ob wir den Süden verteidigen und einen Atomkrieg mit Nordkorea riskieren oder eben nicht. Diese Generäle haben Präsident Trump davon überzeugt, dass das Risiko, Kim zu Verhandlungen zu treffen, um ein Vielfaches kleiner ist als jede Alternative. Vor diesem Hintergrund muss man das Treffen sehen. Die Kriegsgefahr ist erst einmal weg.

ZEIT: Viele Kommentatoren sind jedoch eher enttäuscht. Sie sagen, Trump habe nichts erreicht, es sei ein Treffen gewesen, das vor allem aus vielen Fototerminen bestanden habe.

Jeffrey: Das sind Leute, die an der alten außenpolitischen Einschätzung Nordkoreas festhalten und nicht akzeptieren wollen, dass wir es dieses Mal mit einer völlig anderen Bedrohungssituation zu tun hatten. Es gibt aber noch einen weiteren großen Erfolg des Treffens. Und zwar dass wir uns damit erheblich unabhängiger von China gemacht haben. Weil Nordkorea ökonomisch von China abhängt, war Peking bislang in einer sehr mächtigen Position. Ohne die Chinesen ging fast nichts. Dass Trump nun direkt mit Kim verhandelt, ist ein enormer diplomatischer Sieg für die USA. Und wenn Trump – neben Angela Merkel (lacht) – einen echten Gegner für die USA auf dieser Erde sieht, dann China.

ZEIT: Es gibt aber auch Analysen, die besagen, dass China der eigentliche Gewinner dieses Treffens sein könnte. Wenn Trump auf gemeinsame Truppenübungen mit Südkorea verzichtet und gar einen Truppenabzug in Aussicht stellt, bekommt China dann nicht genau, was es will? Nämlich weniger Einfluss der Amerikaner in der Region?

Jeffrey: Das ist tatsächlich Chinas Ziel. Peking will den Rückzug Amerikas, aber man will auch weiterhin derjenige sein, zu dem alle kommen müssen, die mit Kim verhandeln wollen. Doch da Trump nun einen eigenen Zugang zu Kim hat, hat sich das Machtverhältnis in der Region verändert. Man kann die Situation im weitesten Sinne mit der vergleichen, als West-Deutschland unter Brandt direkte bilaterale Gespräche mit Ost-Deutschland begann, ohne dabei die Russen einzubinden. Aus einer Politik der Abgrenzung wurde Wandel durch Annäherung. Das ist es, was Südkorea unter Präsident Moon – mit der Hilfe Amerikas – versucht. In Deutschland hat das letztendlich zum Fall der Mauer geführt.

ZEIT: Wie schätzen Sie die Chance ein, dass Kim sein Atomprogramm und seine Waffen tatsächlich aufgibt? Wird sich Nordkorea dem Westen öffnen wie die DDR im Zuge der Ostpolitik?

Jeffrey: Das ist schwer zu sagen. Die DDR, oder zumindest die Honecker-Regierung, wollte sich eigentlich weder dem Westen öffnen noch ihr System grundlegend verändern. Aber die Herrschenden hatten gemerkt, dass sie ein anderes Verhältnis zum Westen brauchten, schlicht um zu überleben. Sie brauchten ökonomische Hilfe. Das scheint auch Kims Motiv zu sein. Er wird versuchen, die Öffnung sehr klein zu halten, und er wird darauf bedacht sein, mehr zu bekommen, als er gibt. Erich Honecker hatte auch viele Jahre lang das Gefühl, er bekomme mehr, als er gebe. Aber am Ende hat sich das als Fehlkalkulation herausgestellt. Man kann die Öffnung eines Landes nicht kontrollieren. Sie gewinnt ihre eigene Dynamik.

ZEIT: Aber China wird dabei wohl nicht die Rolle übernehmen, die Gorbatschows Sowjetunion für die Öffnung der DDR gespielt hat – den Antreiber?

Jeffrey: Ganz bestimmt nicht!

ZEIT: Wenn Trump China als seine größte geopolitische Bedrohung ansieht, welche langfristige Strategie verfolgt er, um es einzuhegen?

Jeffrey: Er hat keine Strategie! Wenn er eine hätte, dann würde er merken, dass er das nicht allein machen kann. Dass er Verbündete braucht, genauso wie Amerika im Kalten Krieg. Wenn er eine Strategie hätte, würde er Tag und Nacht daran arbeiten, eine Europa-Russland-Indien-Ostasien-Koalition zusammenzustellen. Aber Trump glaubt nun mal nicht an dieses internationale System.

ZEIT: Warum sollte eigentlich irgendein Vertragspartner dem Präsidenten Trump vertrauen, da dieser doch eben erst eigenmächtig aus dem Deal mit dem Iran ausgestiegen ist?

Jeffrey: Das hat keinen Einfluss. Es gibt vieles an Trumps Entscheidung zu kritisieren, diesen Deal zu verlassen. Aber die Vorstellung, dass Trump für Nordkorea dadurch unglaubwürdiger geworden sei, ist Unfug. Die Nordkoreaner sind vorsichtig, aber das wären sie auch ohne Trumps Aufkündigung des Iran-Deals.