Die Demokratische Volksrepublik Korea, in der Regel als Nordkorea bekannt, wird bei uns vor allem mit negativen Dingen in Verbindung gebracht: Atomwaffen, Menschenrechtsverletzungen, bizarrer Führerkult, gleichgeschaltete Gesellschaft, Hunger. Zwei Dinge werden regelmäßig übersehen: die erheblichen wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen der letzten zwei Jahrzehnte – und die Tatsache, dass der nordkoreanische Staatschef Kim Jong Un einen konkreten eigenen Plan für den wirtschaftlichen und infrastrukturellen Aufbau des Landes hat. Ohne dieses Verständnis bleibt schwer zu verstehen, was diese Woche beim Trump/Kim-Gipfel geschah.

Trump verfolgt vor allem politische Motive: Es geht es ihm um die Atomwaffen und darum, in einer für den strategischen Hauptgegner China wichtigen Region die Initiative zu wahren. Kim Jong Un hat zwar die Atomwaffen, er weiß aber auch, dass er nun mit großem Zeitdruck seine heimische Wirtschaft aufbauen muss. Nur so kann er auf Dauer Unzufriedenheit im Inneren vermeiden und, wenn es jemals dazu kommt, mit Südkorea auf Augenhöhe über eine Vereinigung verhandeln. Nicht zuletzt hindern ihn die von den USA vorangetriebenen Sanktionen daran, das wirtschaftliche Potenzial seines Landes zu entfalten. Darum bleibt die Aufhebung der Hemmnisse für Handel und Finanztransaktionen sein wesentliches Ziel – und für die USA bleibt sie ein wirksames Druckmittel, denn über Sanktionen wurde in Singapur nichts Konkretes gesagt.

Nordkorea ist etwas größer als seinerzeit die DDR. Dort leben 25 Millionen Menschen, also knapp ein Drittel so viele wie in Deutschland. Im europäischen Maßstab würden wir Nordkorea als mittelgroßes Land bezeichnen. Während der japanischen Kolonialzeit von 1910 bis 1945 wurde Korea zum Nutzen der neuen Herrscher industrialisiert. Auch die Deutschen halfen mit: 1936 bauten die Japaner in Kooperation mit BASF nahe der heute zweitgrößten Stadt Nordkoreas, Hamhung, ein Moderwerk.

Nach der Befreiung leisteten die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten eine erhebliche Aufbauarbeit. Die DDR baute unter anderem das im Koreakrieg der 1950er Jahre völlig zerstörte Hamhung wieder auf.

Von den 1960er Jahren an verfolgte Pjöngjang dann verstärkt eine auf Autarkie zielende Strategie. Nordkorea ist kein rückständiger Agrarstaat. Es verfügt über eine Stahlindustrie, Chemiewerke, Kraftwerke, Maschinenbau und andere essenzielle Industriezweige. Etwa 70 Prozent der Menschen leben und arbeiten in Städten, das sind etwa genauso viele wie in Deutschland.

Ein Problem war und ist, typisch für sozialistische Länder, die Instandhaltung und Modernisierung von Industrie und Infrastruktur. Man denke nur an den Zustand der DDR nach der Vereinigung. Die Bürokratien in diesen Staaten bauen gern öffentlichkeitswirksam neu, anstatt etwas lediglich zu bewahren. Das sieht man sofort, wenn man das Land bereist: kaputte Straßen, gebrochene Bahnschwellen, verrostende Industrieanlagen. Die Menschen sind fleißig und arbeiten hart, aber es fehlen Maschinen, Material und Kapital.

Als Anfang der 1990er Jahre das neue Russland plötzlich Erdöl nur noch zu Weltmarktpreisen und gegen Devisen liefern wollte, kam es zu einer schweren Wirtschaftskrise. Mit dem Öl fehlten auch wichtige Voraussetzungen für die in Nordkorea intensiv betriebene Landwirtschaft: Treibstoff, um Strom für die Pumpen zur Bewässerung der Reisfelder zu liefern, und der Grundstoff für chemische Düngemittel, um die Erträge auf der knappen Anbaufläche zu steigern. Das Resultat war eine Hungersnot. Doch anstatt alle Ressourcen in die Wirtschaft zu stecken, entschied sich die Führung, zuerst den Wegfall des sowjetischen atomaren Schutzschildes zu kompensieren. Also wurde das Atomprogramm von 1993 an forciert, mit den bekannten Resultaten.