© Birgit Lang für DIE ZEIT

Sind Ost-West-Unterschiede eigentlich etwas, das vergeht? Ganz früher, gleich nach 1990, herrschte die Ansicht vor: Vielleicht dauert es fünf, vielleicht zehn Jahre, bis Deutschland ein Land ist. Bis man Ossis nicht mehr von Wessis unterscheiden kann. Irgendwann setzte sich die allgemeine Erkenntnis durch, dass es vermutlich länger dauern würde. Und dann wurde schließlich klar: Wesentliche Ost-West-Unterschiede gründen gar nicht in der DDR-Zeit – viele erklären sich auch aus den in Ost und West vollkommen verschieden erlebten neunziger und nuller Jahren.

In gewisser Weise gibt es also sogar einige Ost-West-Unterschiede, an die zur Zeit des Mauerfalls gar nicht zu denken war: Der demografische Unterschied etwa ist in den 30 Jahren nach 1989 viel größer geworden, als er es vorher war – der Geburtenknick nach 1990 wird die Gesellschaft noch lange prägen. Auch dass Ostdeutsche, anders als Westdeutsche, sich im Jahr 2018 in Führungsjobs in Verwaltung oder Wirtschaft so gut wie gar nicht wiederfinden würden, hätte 1990 wohl niemand für möglich gehalten.

Nun sagte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU): Auch in 100 Jahren würden die Ost-West-Unterschiede noch spürbar sein. Es war die strittigste These auf der Veranstaltung "Zur Sache, Leipzig" von ZEIT, ZEIT-Stiftung und Uni Leipzig; moderiert von Patrik Schwarz, Herausgeber der ZEIT im Osten. Die alte DDR-Grenze, so Haseloff, sei bis heute "komplett abgebildet". Und: "Das ist auch in den nächsten 100 Jahren nicht glattzustreichen." Hat er recht? Und wenn ja – wäre das denn nur schlecht? Oder sind Ost-West-Unterschiede auch etwas, das durchaus befruchtend sein kann in einem Land der Pluralität? Wir haben diese Frage Experten gestellt, allen für ihren Bereich.

Gehälter: Gewiss noch 30 Jahre verschieden

Mit den ostdeutschen Gehältern verhält es sich ähnlich wie mit einem Hundert-Meter-Sprinter, der sich an einem Marathon versucht: Am Anfang schießt er allen davon. Dann aber wird er langsamer und langsamer, und irgendwann fällt er zurück.

Auch die Ostlöhne näherten sich erst in rasantem Tempo denen des Westens an. Im Jahr 1991 bekam ein Arbeitnehmer in den neuen Ländern gerade einmal die Hälfte dessen, was ein Westdeutscher erhielt. Nur ein Jahr später hatten Ostgehälter schon 61,1 Prozent des West-Niveaus erreicht. 1996 dann stolze 74 Prozent. Doch seitdem geht es nur in Tippelschrittchen voran. Stand heute, mehr als 20 Jahre später: 81,4 Prozent. Ein Vollbeschäftigter im Osten hat monatlich im Schnitt 1.000 Euro brutto weniger als einer aus dem Westen, verkündete im März das Statistische Bundesamt. "Um ehrlich zu sein", sagt Joachim Ragnitz, Vize-Chef des Ifo-Instituts in Dresden, "ich denke nicht, dass sich daran in den nächsten Jahren noch spürbar etwas ändern wird."

Das liegt nicht an bösem Willen, sondern zum Beispiel daran, dass Unternehmen im Osten kleiner sind. Kleinere Betriebe zahlen niedrigere Löhne. Zwar wurden die Tarifverträge in Ost und West angepasst, doch halten sich in den neuen Ländern weniger Firmen daran. In 100-Jahres-Zeiträumen denke er als Wissenschaftler nicht, sagt Joachim Ragnitz. Auf so lange Sicht ließen sich keine Prognosen abgeben. "Aber in 30 Jahren werden die Löhne zwischen Ost und West wahrscheinlich immer noch nicht angeglichen sein." Etwas ändern könne eventuell der Fachkräftemangel, glaubt Ragnitz: "Das könnte die Löhne treiben." Es könne aber genauso gut sein, dass Unternehmen wegen des Kampfs um Arbeitskräfte pleitegehen. Denn um West-Gehälter zu übertrumpfen, müssten sie schon mächtig investieren. Eine Fachkraft verdient in den neuen Ländern bislang durchschnittlich 34.308 Euro im Jahr, hat das Internetportal gehalt.de kürzlich ermittelt. Im Westen sind es 42.968 Euro. Ein Fünftel mehr.

Demokratieverständnis: Es gleicht sich an

Vor einem Jahr machte eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung Schlagzeilen: "Nur jeder zweite Ostdeutsche ist mit der Demokratie zufrieden." Der Eindruck, der entstand: Diese Ex-DDR-Bürger hätten es noch immer nicht verstanden. Aber das stimmt nicht, sagt Everhard Holtmann, Politikwissenschaftler an der Uni Halle-Wittenberg. Holtmann fragt für den Sachsen-Anhalt-Monitor regelmäßig die Haltung der Bürger ab. Er sagt: "Die Idee der Demokratie befürworten schon jetzt fast alle Ostdeutschen." Was sie von den Westdeutschen unterscheidet: Sie sehen den aktuellen Zustand der Demokratie kritischer. 54 Prozent der Ostdeutschen sind damit zufrieden, gegenüber 67 Prozent der Westdeutschen. Aber das wird nicht so bleiben, sagt Holtmann: "Die Daten stehen auf Angleichung." Einen Unterschied, der noch Jahrzehnte bleiben wird, sieht er trotzdem. "Die Ostdeutschen haben eine größere Sorge vor einem Kontrollverlust seitens der Politik und des Staates", sagt er. Dies gehe auf den "doppelten Transformationsschock" zurück: zuerst die Wendezeit, dann die Globalisierungskrise. "Solche Erfahrungslagen verfestigen sich über Jahrzehnte und manchmal sogar über mehr als ein Jahrhundert", so Holtmann. Das sei ein Grund dafür, dass Ostdeutsche anfälliger für Populismus seien. Aber: Wenn die Populisten nicht lieferten, wählten die Ostdeutschen auch schnell wieder jemand anderen. Holtmanns Sachsen-Anhalt-Monitor belegt das gerade: Darin wurde gefragt, was die Leute wählen würden. Und der Wert der AfD hat sich in dem Bundesland fast halbiert.

Demografie: Das lässt sich nicht reparieren

Weil es immer wichtig ist, mit der guten Nachricht anzufangen: Der Osten holt auf, sogar in diesem Bereich, der immer besonders problematisch war. Die demografische Entwicklung, von Rostock bis Annaberg-Buchholz, sei inzwischen eine Erfolgsgeschichte, sagt Reiner Klingholz, Chef des Berlin-Instituts für Bevölkerungsentwicklung. Seit 2013 ist keine größere Abwanderung aus dem Osten mehr zu beobachten, das Wanderungssaldo ist seit mehreren Jahren weitgehend ausgeglichen. Und davon profitieren gerade die Metropolen im Osten: Berlin, Leipzig, auch Potsdam und Jena – sie gehören zu den am schnellsten wachsenden Städten Deutschlands. "Manche Stadt im Ruhrgebiet wäre froh, wenn es bei denen so zuginge wie in Leipzig", sagt Klingholz. Eine gewisse Ost-West-Angleichung gibt es inzwischen also.

Und trotzdem, sagt Klingholz, habe Reiner Haseloff auch recht: "Der Ost-West-Unterschied wird bei der Bevölkerungsentwicklung noch ziemlich lange zu spüren sein."

Wieso? Weil man die massive Abwanderung in den neunziger Jahren, bis in die nuller Jahre hinein, nicht einfach so wettmachen könne. Der starke Geburteneinbruch – nach dem Mauerfall um 50 Prozent – wurde noch verstärkt durch einen anhaltenden Wegzug junger Frauen. Dass nach 1990 so wenige Kinder geboren wurden, werde sich nun mindestens 40, 50, 60 Jahre bemerkbar machen, sagt Klingholz. Generationen mit weniger Kindern haben auch weniger Enkel und weniger Urenkel. Selbst steigende Geburten- oder Zuwanderungszahlen könnten das in einem menschlichen Leben nicht ausgleichen, glaubt Klingholz. Allenfalls abschwächen. Die Flüchtlingswelle der vergangenen Jahre habe dabei den Ost-West-Unterschied sogar eher noch verstärkt als abgeschwächt: "Der Osten hat weniger als der Westen von der Zuwanderung profitiert", sagt Klingholz, "denn viele Zuwanderer sind, sobald sie sich frei bewegen konnten, dorthin gegangen, wo schon viele andere Zuwanderer leben: in die westdeutschen Städte."