Doch, das sieht schon gut aus, wie der Wagen da einrollt. Eine einzige fließende Bewegung, ein eleganter Bogen, der sanft an der Schranke ausläuft. Der Porschefahrer, der die Rampe genommen hat, bremst, zieht sein Ticket und fährt dann weiter, voran, ins Halbdunkel. Nur hochgeguckt hat er nicht. Hat nicht gesehen, was da hängt, hat also absolut nicht geahnt, dass es hier etwas zu sehen geben könnte, was man ihm nicht verdenken will. Ist ja ein Parkhaus, kein Museum, Auto rein, Mensch raus, normalerweise. Seit ein paar Tagen will das Parkhaus am Hühnerposten aber mehr sein, wird mit Kunst bespielt und "Parkhaus der Sinne" genannt. Warum ausgerechnet hier? Und warum ausgerechnet so?

Über der Einfahrt baumeln Kronleuchter vor einem Bild, drei mal sieben Meter, das erst in Öl gepinselt und danach auf Textil gezogen wurde. Das Bild zeigt den Hamburger Hauptbahnhof, im Bau befindlich, 1906, es stammt von Anna Goldmund, die aus Wedel kommt, informiert Dieter Siebert, der aus Berlin gekommen ist.

Siebert hat das Konzept erdacht, ein sympathischer, studierter Mann, der im Treppenhaus auch noch Duftmaschinen hat installieren lassen. Sie stäuben mit ihrem Gemisch aus Rosmarin, Thymian und Zitronengras gegen die Kohlenmonoxidluft an. Siebert hat an den Wänden auch Haikus installiert und Musikboxen auf den Parkdecks aufgestellt, die nun Rosmarin-, Thymian- und Zitronengrasebene heißen.

So sieht das also aus, klingt das, riecht das, wenn Kunst in den öffentlichen Raum eindringt. Wobei das hier, genau genommen, gar kein öffentlicher Raum ist. Das Parkhaus zwischen Münzviertel und City-Hochhäusern hat einen Besitzer, der langfristig an die DB Bahn Park vermietet, die wiederum eine Tochter der Deutschen Bahn und des Parkraumbewirtschafters Contipark ist, die für alle bauliche Veränderungen nicht nur besagten Besitzer, sondern auch den Bezirk um Erlaubnis bitten musste. Privatisierter öffentlicher Raum, so vielleicht die korrekte Betitelung, in dem der Porschefahrer (und auch jeder mittelständischere Kraftwagen) vorübergehend gastiert.

"Wir wollen die Kunst mit der Realität konfrontieren", erklärt Kurator Siebert. Das ist eine gute Beschreibung von Kunst im öffentlichen Raum: Denn da ist der Grat zwischen Relevanz und Penetranz sehr schmal, manchmal schmaler als eine Parkbucht, die am Hühnerposten weniger als 2,40 Meter breit ist. Der ADAC will das ausgemessen haben.

In Miami hat Zaha Hadid ein Parkhaus gebaut, Frank Gehry auch, Herzog & de Meuron ebenfalls. In Miami garantiert der Architektenname dafür, dass die Parkhäuser selbst Kunst sind. In Deutschland muss man ein bisschen nachhelfen. Kunst im Parkhaus: Wurde schon mal in Frankfurt-Sachsenhausen ausprobiert, in Hof, in Ludwigslust und in Essen, sogar in Frechen, das liegt im Rhein-Erft-Kreis, westlich von Köln. Und jetzt in Hamburg.

Ein Parkhaus ist ein Nicht-Ort, eine Leerstelle, eine Kälteschleuse, so hat es der französische Ethnologe Marc Augé ausgedrückt. Ein auf Monofunktion reduzierter Ort ohne Identität und Relation, ähnlich Flughäfen, Bahnhöfen und Einkaufszentren, was aber, noch mal Augé, absolut stimmig sei, solange man sich nicht viel mehr als Einsamkeit und zweckmäßige Bedürfnisbefriedigung erhofft.

Versucht man aber, so einen Nicht-Ort über seine Funktion hinaus mit Sinnhaftigkeit zu beladen, dann geraten die Dinge in Unordnung. In Essen und Frechen genauso wie am Hühnerposten, wo mal der Bahnhof Klostertor stand und nach ihm das zentrale Bahnpostamt und jetzt die ehrwürdige Zentralbibliothek steht und unter ihr das Parkhaus und in diesem Parkhaus der Herr Siebert.

Siebert sagt, dass sich die Parkhauskunst am Hühnerposten überhaupt nicht aufdränge, das stimmt. Was sich aber aufdrängt, ist der Eindruck, dass man die Kunst dann eigentlich auch nicht braucht.

Lasst uns doch bitte das Parkhaus in seiner urinstarren Sichtbetontristesse, möchte man laut rufen am Ende dieser Begehung, bleibt aber natürlich still, auch aus Angst vor der abgestellten Pressedame der Bahn, die den Spaziergang bewacht.

Es ist nicht so, dass am Hühnerposten gegen einen etwaigen Leerstand ankuratiert wird. Im Gegenteil. Das Parkhaus meldet Dauerauslastung, die 427 Stellplätze sind permanent belegt. Folglich wird Sieberts Installation keinem akuten Erfolgszwang unterworfen, sie darf einfach sein. Eine Ausgangslage, die in radikaler künstlerischer Freiheit münden könnte. Oder in biederer Bequemlichkeit.

Die ganze Inszenierung erinnert in ihrer Herrensalon-Klebrigkeit an Abercrombie & Fitch. Die amerikanische Modekette versucht, die banale kapitalistische Praxis des Klamottenkaufs mit Kronleuchter, Holzvertäfelung und Zedernduft zum Kulturerlebnis hochzujazzen.

Die Abercrombisierung des Parkhauses also? Das oberkörperfreie Männermodel vor der Tür fehlt. Stattdessen: Ein Putzmann in Latzhose auf Parkebene 3, er feudelt genervt um die Kunstleute, zu denen man in diesem Moment selbst zählt, herum. "Entschuldigung, darf ich mal?" Er darf natürlich mal. "Dein Job ist wichtiger als meiner", lacht ihm Siebert zu. Der Putzmann lacht nicht zurück.

Offiziell eingeweiht wird das Parkhaus der Sinne am Hühnerposten am Montag, den 18. 6. um 17.30 Uhr