Als Paul Singer am vergangenen Donnerstag auf der Bühne im Saal des Essex House Hotels in Manhattan Platz nimmt, geht ein Raunen durch das Publikum. Vertreter von Pensionskassen, Stiftungen und Vermögensverwaltern sind gekommen, um zu besprechen, wie sie als Aktionäre stärkeren Einfluss auf die Führung von Unternehmen ausüben können. Und einen mächtigeren Aktionär als Singer gibt es wohl kaum. Mit dem sorgfältig gestutzten weißen Bart und der runden Eulenbrille wirkt er zwar wie ein Bilderbuch-Opa. Doch der 73-Jährige ist alles andere als ein gutmütiger Märchenonkel.

Singers Hedgefonds Elliott Management verwaltet 34 Milliarden Dollar und ist bekannt für seine aggressiven Methoden. Er kauft Aktien oder Anleihen, um Unternehmen oder ganzen Nationen seinen Willen aufzuzwingen und dabei kräftig Gewinne zu kassieren. Es gibt Dutzende solcher Fonds, die man an der Wall Street auch als "Aktivisten" bezeichnet. Elliott ist der größte – und gilt als der gnadenloseste. Um etwa Argentinien in einem 15 Jahre langen Streit um Staatsanleihen zu bezwingen, ließ Singer ein Kriegsschiff des Landes samt Besatzung beschlagnahmen. Nun hat sich sein Fonds bei einem deutschen Traditionskonzern eingekauft: Thyssenkrupp. Noch ist unklar, was genau Singer mit dem über 200 Jahre alten Industrieunternehmen vorhat. Fest steht nur: Für Vorstandschef Heinrich Hiesinger wird es ungemütlich.

Singer sei der Albtraum jedes Managers, schrieb die Financial Times einmal. Der Finanznachrichtendienst Bloomberg nennt ihn den "gefürchtetsten Investor der Welt". Cristina Fernández de Kirchner, die ehemalige Präsidentin Argentiniens, die nicht zuletzt durch seinen Druck ihr Amt verlor, schimpfte ihn einen "Geier" und "Finanzterroristen". Fragen der ZEIT zu dem Engagement bei Thyssenkrupp wollte der medienscheue Singer in New York nicht beantworten. Elliott ließ aber an die Presse durchsickern, man sei nicht beeindruckt von Hiesingers Leistung.

Seit zwei Jahren versucht Hiesinger, die Stahlsparte mit den europäischen Ablegern des indischen Tata-Konzerns zu verschmelzen – eine Fusion, die nicht nur bei Gewerkschaften, sondern auch bei Aktionären umstritten ist. Seit Hiesingers Antritt ist die Aktie um 30 Prozent gefallen. Ein Elliott-Manager bemühte gegenüber dem Handelsblatt einen Fußballvergleich: "Wenn das deutsche Nationalteam seit sieben Jahren nichts mehr gewonnen hätte, wäre dann noch der gleiche Trainer im Amt?" Aus der Thyssenkrupp-Zentrale ließ man nur verlauten, Hiesinger habe schon viele Spiele gewonnen.

So umstritten die Methoden von Singer und den anderen Aktivisten der Wall Street auch sind – oft sind sie die Einzigen, die Topmanager überhaupt zur Rechenschaft ziehen. Theoretisch sollten ja alle Aktionäre ein Interesse daran haben, den Vorstand nicht nur zu kontrollieren, sondern auch anzutreiben, das Beste für das Unternehmen zu tun. Doch in der Realität haben Kleinanleger keinen Einfluss, und viele Vermögensverwalter verkaufen lieber ihre Anteile, als sich mit dem Management anzulegen. Vor allem aber übernimmt zunehmend der Computer die Funktion der Anteilseigner. Man kann argumentieren, dass der Aufstieg der passiven Indexfonds, deren Investitionen von Software-Formeln abhängen statt von Aktienanalysten, Aktivisten wie Singer als Kontrolleure der Konzernlenker noch wichtiger macht.

Kritiker wie Martin Lipton sehen das anders. Der New Yorker Anwalt wird regelmäßig von Konzernchefs angeheuert und ist der prominenteste Gegner der Aktivisten. Lipton wurde bekannt als Erfinder der "Giftpille", eines juristischen Winkelzugs, mit dem ein Unternehmen feindlich gesinnte Aktienkäufer abwehren kann – etwa indem es die Stimmrechte verwässert.

Aus Liptons Sicht handelt es sich dabei um Notwehr gegen eine Art legale Erpressung, die regelmäßig negative Folgen für die betreffenden Unternehmen hat. Diese würden durch Aktivisten zu Sparmaßnahmen gezwungen, die Jobs kosteten und Investitionen in Forschung und Entwicklung verhinderten.

Tatsächlich ist es schwer, in manchen Manövern der Aktivisten mehr als ein opportunistisches Abkassieren zu sehen. Elliott Management etwa sicherte sich im Sommer 2017 einen Anteil am deutschen Arzneimittelhersteller Stada. Als das Unternehmen dann an einige Beteiligungsgesellschaften verkauft werden sollte, setzte Elliott einen höheren Kaufpreis durch. 180 Millionen Euro mehr brachte das Singer und den anderen Stada-Aktionären ein, ohne dass das Unternehmen dadurch Vorteile gehabt hätte.