Ich hatte eine Romanidee, inspiriert von drei Menschen, die ich bewundere, einem Kameruner König mit hinreißender Chuzpe, einem äthiopischen König, den ich im dortigen Knast besuchte, und einem innigen Freund und atemberaubenden Künstler aus Kamerun. Mein Romanheld wäre schwarz gewesen, da lass ich mal besser die Finger von und schreibe stattdessen nunmehr Bücher, die von der Interaktion weißer neunundvierzigjähriger Schriftstellerinnen mit weißen neunundvierzigjährigen Schriftstellerinnen handeln. Sicher ist sicher. Die anderen Geschichten werden unerzählt bleiben.

Verlust des Sprachverständnisses:

"But 100 years later the Negro still is not free. One hundred years later, the life of the Negro is still badly crippled ..." – "Aber 100 Jahre später ist der Neger immer noch nicht frei." Ein Zitat aus der berühmten "I have a dream"-Rede Martin Luther Kings von 1963.

50 Jahre später sitze ich mit einem Lektor und zwei Übersetzern an einem Kneipentisch, die Übersetzer erzählen von der Arbeit an einem Roman aus den Fünfziger Jahren, in dem von "negroes" die Rede ist; ich argumentiere arglos, man müsse das historisch korrekt mit "Neger" übersetzen, als mich der Lektor anfaucht, ich solle in diesem unserem Gespräch nicht "Neger", sondern "das N-Wort" sagen.

Ich halte es mit der Maxime: Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten. Bis in die sechziger Jahre hinein war "Neger" die – im Gegensatz zu "Nigger", dem anderen N-Wort – politisch korrekte Bezeichnung für schwarze Menschen. Heute ist es eine rassistische Beleidigung. Die Sprache der Vergangenheit nach den Maßstäben der Gegenwart umzugestalten bedeutet, dass uns Geschichte verloren geht. Wer wird sich daranmachen, "I have a dream" umzuschreiben?

Wie sollen wir miteinander reden – und Rassismus diagnostizieren! –, wenn sich die Ansicht durchsetzt, nicht Kontext und Intention bestimmten die Bedeutung eines Wortes, sondern die schlichte Abfolge von Vokalen und Konsonanten? Jemanden einen "Halbneger" zu nennen ist eine Ganzbeleidigung. Über die Wandlung des Wortes "Neger" zu sprechen ist Kommunikation. Auf der Bezeichnung "Negerkuss" zu bestehen ist böswillig oder empathielos. Das Siebziger-Jahre-Kinderspielzeug "Negerpuppe" als "80 Zentimeter Rassismus" zu bezeichnen, wie es Sarah Kuttner in einem Roman tat, worauf jemand bei ihrer Lesung die Polizei rief, ist Antirassismus. Ein Buch Singen können die alle! Handbuch für Negerfreunde zu betiteln ist Satire. Der schwarze Comedian Marius Jung hat in diesem Zusammenhang natürlich trotzdem den Rassismus-Antipreis des Student_innenRats der Universität Leipzig kassiert.

In der nächsten Umdrehung der N-Wort-Schraube kommt es zu Absurditäten wie beim Berliner Theatertreffen, wo dem Darsteller eines Neonazis verboten wurde, auf der Bühne "das N-Wort" auszusprechen. In den Kulissen verabschiedet sich die narrative Darstellung von der Wirklichkeit. Die Rollenprosa, ohnehin eine bedrohte Art, schließt sich ihr an; dass die Meinung eines Protagonisten eine andere oder sogar gegenteilige als die des Verfassers sein kann, ist erfahrungsgemäß eh kaum noch vermittelbar. Wenn aber fiktive Schurken nicht mehr sprechen und handeln können wie Schurken, werden wir in Romanen, Filmen, Theatern eine schöne neue Welt haben, die die reale nicht mehr abbilden kann.

Verlust des Humorverständnisses:

All das entbehrte nicht einer gewissen Komik, stünde Humor nicht ebenfalls auf der Liste der bedrohten Kulturtechniken. Und zwar in einem Maß, das nicht zum Lachen ist.

Ich schreibe einen Antarktis-Expeditionsbericht, habe darin einen kleinen frotzelnden Originaldialog zwischen mir und meinem Zeltpartner: Des Abends, beim Hineinwursteln in ein Minizelt, führen wir Schatz-wie-war-dein-Tag-Dialoge, ich die Hausfrau, er heimkommend aus dem Büro, er fragt nach dem rumänischen Kindermädchen, ich antworte, Schatz, du weißt doch, das haben wir an einen Mädchenhändlerring verkauft, er bedauert das, ich sage, Schatz, du weißt, wir brauchten das Geld für deine Kaution.