Drama im Lektorat. Weswegen ich unbedingt politisch unkorrekt sein muss; ich sage, das ist nicht un-PC, sondern ein kleiner schwarzhumoriger Anflug in einem Dialog. Lektorat: Man macht keine Witze über schlimme Dinge; ich: Doch, das ist die Definition von schwarzem Humor. Lektorat: Das sei zu heikel, und es komme doch für die Story nicht drauf an; ich: Wenn alle immer nachgeben, folgt der schwarze Humor dem Weg des Dodos. Kompromissvorschlag aus dem Lektorat: Ich könne doch schreiben, das polnische Kindermädchen habe das Auto geklaut und sei damit abgehauen. Ich: Das sei jetzt weder schwarzer Humor noch Ironie oder Sarkasmus, sondern ein seit Dekaden abgestandenes Ressentiment; außerdem erkläre ich, wie sich hier das Objekt des Scherzes verschiebe: In dem einen Fall skizzierten wir uns als ein spießig-fieses Gangster-Ehepaar, im anderen bashten wir Polen – was mir nicht in den Sinn käme. Fazit Lektorat: Schwarzer Humor sei nur da akzeptabel, wo er hingehöre, zum Beispiel in der Satirezeitschrift Titanic oder in einem Sachbuch über Mädchenhandel.

Verlust der Unterscheidungsfähigkeit

zwischen Realität und Fiktion: Eine Freundin schreibt einen Thriller, in dem ein Kindesentführer die Mutter zu immer scheußlicheren Gräueltaten erpresst, eine davon ist, ihrem geliebten Hund eine Pfote abzuschneiden, sonst sterbe ihr Kind; der Hund überlebt die Prozedur nicht, und auch der Thriller kommt nur angeschlagen davon. Ein Hassausbruch wegen Tierquälerei geht über meine Freundin nieder. Wegen des Todes eines fiktiven Hundes. Dass im selben Buch auch mehrere Menschen gemeuchelt wurden, was in Thrillern traurigerweise immer noch vorkommt, hat übrigens niemanden gestört. Weniger putzig und pelzig, nehme ich an.

Verlust der Debatte:

Zunehmend konstatiere ich beunruhigt, mit welcher Selbstverständlichkeit Debatten sich nicht mehr um Standpunkte, Meinungen, falsche oder richtige Fakten drehen, sondern wie nach Beweisen gesucht wird, der Gesinnung eines Autors habhaft zu werden – bei Simon Strauss galt ja schon eine lang zurückliegende Salondiskussion mit Götz Kubitschek als inkriminierendes Indiz. Der Vorrang derartiger Gesinnungsbestimmung verhindert echte Debatten über alle komplexen Fragen, die sich klarem Schwarz/Weiß entziehen; anstelle von inhaltlichem Pro und Contra tritt ein tribalistisches Entweder/Oder. Eine Art Halal/Haram-Bekenntnissystem, von dem man besser nicht abweicht, will man nicht plötzlich mit Götz Kubitschek als einzigem Freund dastehen.

Wie klein dann in dieser Freund/Feind-Logik der Schritt von der symbolischen zur angewandten Kampfansage wird, sei hier mit einer letzten Anekdote belegt: Ich veranstalte mit einer Kollegin Lesungen, zu Gast unlängst Harald Martenstein mit seinem aktuellen Kolumnenband. Alarmiert davon, dass ein solches Buch inzwischen als Vorwort eine Gebrauchsanweisung für Ironie braucht, bestelle ich wohlweislich für den Abend einen Freund ein, der Kung-Fu kann. Ich weiß schon, warum: Inmitten der Lesung spaziert eine Gruppe schwarz uniformierter junger Menschen, vier Frauen, ein Mann, in den Saal – identische schwarze Bomberjacken, jeweils ein silbernes Emblem auf der linken Brust. Setzt sich in die letzte Reihe, beginnt zu pöbeln und Parolen zu schreien. Martenstein lädt höflich dazu ein, auf die Bühne zu kommen und zu diskutieren. Zurückgebrüllt wird "Frauenfeind" oder Ähnliches, ich stehe auf und sage, ich, Frau, und meine Kollegin, Frau, sähen das anders, und wir hätten Martenstein eingeladen, man spreche bitte nicht in unserem Namen, gehe aber gern auf die Bühne und spreche im eigenen.

Der Minimob zieht pöbelnd ab, mein Kung-Fu-Beauftragter hat die richtige Ahnung: Im Vorraum, dort, wo sich die Leute nach der Lesung ihre Zigarette anzünden, steht des Winters ein Heizofen mit einer großen Gasflasche, und, ja, natürlich, unsere sympathischen Social-Justice-Warriors haben die Flasche aufgedreht und das Ventil rausgerissen, damit Gas ausströmt.

Wir haben übrigens den Rest des Abends noch eine Menge schwarzhumoriger Witze darüber gerissen, mal gut, dass uns keiner gehört hat.