Als Schiff, das sich Gemeinde nennt, sieht sich die protestantische Kirche nach wie vor. Aber der alte Kahn schlägt leck. Die junge Pfarrerin Rebecca John Klug bat die Evangelische Kirche im Rheinland deshalb um einen Ort, an dem sie ihr Pionierprojekt "raumschiff.ruhr" austesten kann. Zunächst für drei Jahre sollte ein ungewöhnlicher Raum für "Gemeinschaft, Schönheit und Glauben" geschaffen werden, der auch die Menschen ihrer Generation anspricht. Abgespaced, aber mit Bodenhaftung. Ein Sinnangebot, speziell und ausschließlich für "Young Urban Creatives", also junge Leute zwischen Anfang 20 und Ende 30. Sie gelten als erfolgsorientiert, arbeiten an ihrer Selbstoptimierung und sind offen für spirituelle Glaubensbegegnungen. Als Jobnomaden können sie sich wegen häufiger Ortswechsel auf keine feste Bindung an eine Pfarrgemeinde einlassen.

Die Kirchenoberen boten Rebecca John Klug im Zentrum von Essen die alte Marktkirche zur Nutzung an. Weder eine Pfarrstelle noch einen Gottesdienst gibt es dort, verschiedene kirchliche Gruppen bespielten den Raum ohne Gesamtkonzept. Von hier ging einst die Reformation im Ruhrgebiet aus. Ein neues Start-up war dringend geboten. Das "raumschiff.ruhr" verleiht dem Ort nun ein ganz eigenes Flair zwischen Orbit und WG-Küche.

Das Programm erarbeiten die Projektteilnehmer gemeinsam. So wurde etwa aus der Idee, einmal dem "Körper als Tempel des Heiligen Geistes" nachzuspüren, ein "Raum für Achtsamkeit", mit Yogaübungen, Schweigeexerzitien und spirituellen Impulsen. Vor einigen Tagen veranstaltete die Gruppe an der Rückseite der Kirche, wo einen laut Rebecca John Klug "die Hässlichkeit anlacht", das Liedermacherfestival "freiklang". Für diese junge Wilde ihres Berufsstandes ist das Projekt der ideale Weg, die evangelische Kirche wieder mit Mission zu erfüllen. Stuhlkreis war gestern. Jetzt tauschen sich die Kirchgänger über WhatsApp und über Blogs aus, verabreden sich zu gemeinsamen Stadtunternehmungen, zu Kirchenabenden bei Wein und Brot, sie veranstalten liturgische Übungen und Konzerte. Da geht es nicht ums Konsumieren, sondern um das gegenseitige Beschenken, betont die Pfarrerin.

Wird hier das Gemeindegefühl des 21. Jahrhunderts neu definiert? Das Projekt ist erst einmal bis 2019 finanziert. Die Pfarrerin geht im Sommer in Elternzeit. Ihr Raumschiff werden dann wohl andere steuern.

Haben Sie von einer ungewöhnlichen Idee in Ihrer Gemeinde gehört? Bitte schreiben Sie an redaktion@christundwelt.de.