DIE ZEIT: Sie waren Journalist, sind CDU-Mitglied und saßen im Deutschen Bundestag, bis Sie im April 2016 zum Präsidenten des Deutschen Fußballbundes wurden. Ganz ehrlich: Haben Sie wirklich geglaubt, Sie könnten die Empörung der Deutschen über das Treffen der beiden Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündoğan mit dem türkischen Präsidenten für beendet erklären, einfach so ausknipsen wie eine Nachttischlampe?

Reinhard Grindel: Bei aller Kritik, die notwendig war und die die Spieler einstecken mussten, haben unsere Testspiele gezeigt, dass wir uns jetzt auf das Sportliche konzentrieren müssen. Mesut Özil und Ilkay Gündoğan haben versichert, alles für die deutsche Mannschaft zu geben. Mein Wunsch ist, dass unsere Fans sie dabei unterstützen.

ZEIT: Aber kann es nicht sein, dass Sie das Thema mit Ihrer Fürsorge den Spielern gegenüber nur noch größer gemacht haben?

Grindel: Glauben Sie ernsthaft, Mesut Özil und Ilkay Gündoğan seien unser wahres Problem in Deutschland? Die beiden gehen doch ersichtlich mit der Situation unterschiedlich um. Ilkay hat sich klar geäußert und wird trotzdem ausgepfiffen. Die Probleme, die hinter dem Unmut stecken, müssen tiefer liegen.

ZEIT: Was ist es Ihrer Meinung nach?

Grindel: Angesichts der wieder verstärkten Zuwanderung nach 2015 nehmen die Menschen die Herausforderungen von Migration sensibler war. Insofern erwarten sie von unseren Spielern stärker als vielleicht in der Vergangenheit deutliche Bekenntnisse zu unserem Land und seinen Grundprinzipien. Deshalb hat das Foto mit Erdoğan so verstört, was unsere Spieler und vor allem ihre Berater falsch eingeschätzt haben.

ZEIT: Sie nehmen die beiden schon wieder in Schutz und entziehen sich der Verantwortung ...

Grindel: ... nein, für unsere Werte hat jeder einzutreten, der in der Nationalmannschaft spielt. Das habe ich beiden klar gesagt. Gleichzeitig ist völlig in Ordnung, wenn sie sagen, dass sie ihre türkischen Wurzeln nicht verleugnen wollen.

ZEIT: Und das reicht als Erklärung für den Auftritt der beiden mit einem Präsidenten, der seine Kritiker verfolgen und einsperren lässt?

Grindel: Auch ich war etwas ratlos, wie man überhaupt eine solche Situation herbeiführen kann.

ZEIT: Haben Sie es mittlerweile verstanden?

Grindel: Die beiden haben mir erklärt, dass sie sich aus Respekt vor dem Staatspräsidenten und der Heimat ihrer Eltern und Großeltern diesem Treffen nicht entziehen konnten. Ich glaube ihnen, nicht abgesehen zu haben, dass es zu einem solchen Foto kommt und dieses durch die Wahlkampfzentrale der AKP veröffentlicht würde. Es war nach den uns geschilderten Abläufen unmöglich, einfach zu gehen, als sie feststellten: Hier werden Aufnahmen gemacht. Es war unverantwortlich, die Spieler in diesen schwer erträglichen Interessenkonflikt zu bringen.