Wem zuletzt explosives Denken, eigenwillige Sprache und Schritte raus aus dem Elfenbeinturm in der Philosophie fehlten, dem kann man das Buch Bürger sein von Rüdiger Bittner als Gegenbeispiel empfehlen. Der emeritierte Professor für Politische Philosophie aus Bielefeld rauscht darin klar und präzise, zugleich meinungsstark und unterhaltsam durch die Geschichte und gegenwärtige Debatten der Philosophie. Sein Ziel dabei ist es, "einen Begriff von politischem Dasein in diesem Land zu gewinnen, unter dem man sich, wie man geht und steht, ohne Verbiegung und Idealisierung verstehen, mit dem man in diesem Sinne leben kann". "Grundgesetz-Philosophie" nennt er es – das klingt interessant in einer Zeit, in der man über die Spaltung der Gesellschaft klagt und sich gegenseitig Missverständnisse ebendieses Gesetzestextes vorwirft.

Die große versöhnende Geschichte erzählt Bittner freilich nicht. Vielmehr ist er ein großer Neinsager. Freiheit? Deutschland sei nicht frei, sondern "Coupe Deutschland" biete wie ein Eisbecher mit diversen Kugeln nur eine andere Zusammenstellung von Grundfreiheiten als andere Länder. Menschenwürde? Gehöre auf den "Sperrmüll" der Ideengeschichte. Menschenrechte? Niemand habe von Natur aus Rechte, sondern sie seien nur positiv gesetzt. Demokratie? In Deutschland herrsche das Volk allein in einem technischen Sinn per Wahlen. Gerechtigkeit? Die könne nicht das Hauptziel politischen Handelns sein – da es dafür eine überpositive, also jenseits des gesetzten Rechts gerechte Ordnung brauche, der man entsprechen könne. Doch anders als etwa die Stoiker oder der Rechtstheoretiker Gustav Radbruch in Variationen glaubten, gebe es diese Ordnung der Natur eben nicht, vielmehr sei alles Kraut und Rüben, und man müsse einfach sehen, wie man miteinander auskomme. "Tauziehen ist das Spiel, freilich mit vielen verschiedenen Tauen."

Bittner ist ein Meister des Sparsamkeitsprinzips als Kriterium für ein gutes Argument. In der Kürze ist freilich manches Abkanzeln von Positionen ungerecht, aber man kann immerhin darauf vertrauen, dass Jahrzehnte der genauen Textstudien hinter seinen Urteilen stecken. Und er will mit all seinem Neinsagen keineswegs entmutigen, vielmehr ermächtigen und zum Engagement auffordern. Sein Ergebnis ist ein "starker Pluralismus" ohne gemeinsamen Boden. Alles sei Sache des politischen Streits – und der Klugheit: der Fähigkeit, herauszufinden, was jeweils am besten zu tun ist.

Jenseits theoretischer Details kann man dennoch die Frage stellen, ob Bittners völlige Aufgabe der behandelten Begriffe nicht zumindest rhetorische Mittel aus der Hand gibt, die gerade im politischen Streit eine wichtige Funktion übernehmen können. Andererseits kann Bittners Herangehensweise als willkommenes Antidot gegen Tendenzen gesehen werden, sein Selbstverständnis an großen Ideen wie der Nation aufzuhängen – auch die "Heimat" als etwas, das mit der Bundesrepublik zu tun hätte, dekonstruiert Bittner.

Rüdiger Bittner: Bürger sein. Eine Prüfung politischer Begriffe. De Gruyter, Berlin 2017; 192 S., 19,95 €