Am 6. Juni zeigte die ARD die Verfilmung von Michel Houellebecqs Roman "Unterwerfung", der von der Errichtung einer islamischen Republik in Frankreich handelt. Mit dem provokanten Titel ihrer anschließenden Talkrunde "Die Islamdebatte: Wo endet die Toleranz?" löste Maischberger einen Shitstorm aus. Im Netz wurde eine generelle Talkpause gefordert.

Inmitten der Finanzkrise publizierte der französische Essayist Stéphane Hessel seine Streitschrift Empört Euch!. Es war ein aufrüttelnder Appell an alle Bürger, politische und gesellschaftliche Entwicklungen nicht einfach hinzunehmen, sondern sich über diese zu empören und sich zu engagieren. Hessels emotionales Plädoyer gegen die gesellschaftliche Gleichgültigkeit wurde zum Bestseller. Mehr noch: Die Menschen begannen tatsächlich, sich über gesellschaftliche Entwicklungen aufzuregen.

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Nun, da die Empörung da ist, haben alle Angst vor ihr.

Tatsächlich wird öffentlich immer heftiger gestritten. Die Diskurse nehmen an Schärfe zu, sie fördern nicht nur Empörung, sondern auch Intoleranz und Unversöhnlichkeit zutage. Die so vehement geführten Debatten spiegeln sich natürlich auch in politischen Talkshows wider. Inzwischen sind die Talks selbst zum Gegenstand einer heftigen Diskussion geworden, die vergangene Woche ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte.

Sie gipfelte in der Maximalforderung, bestimmte Gäste gar nicht mehr einzuladen oder gar das Genre Talkshow erst einmal ganz einzustellen. Letzteres mit der Begründung, die Talkshows hätten die AfD überhaupt erst groß gemacht, die Ausdruck dieser neuen Empörung ist und die politische Diskussionskultur permanent verschärft oder gar verroht.

Fernsehleute neigen ja gelegentlich zur Selbstüberschätzung. Dass sie aber für ein Phänomen verantwortlich sein sollen, das auch einen großen Teil unserer europäischen Nachbarn erfasst hat, ist zu viel der Unehre. Wahlen in Ländern wie in Italien, Tschechien, Ungarn, Polen, Großbritannien und natürlich den USA zeigen: Die Bürger reagieren auf große Umbrüche. Sie bilden sich gesellschaftliche Erschütterungen nicht ein, sondern erleben sie. Sie tauschen sich darüber im Netz aus, lange bevor der öffentliche Raum davon Notiz nimmt. Mögen die Spitzenwerte an mancher Wahlurne durch Manipulation erzielt worden sein, der Trend ist unübersehbar.

Einer dieser großen Umbrüche ist die weltweite Migrationsbewegung, die auch Deutschland seit dem Jahr 2015 erfasst hat. Diese von vielen Menschen als historisch empfundene Herausforderung ist keineswegs vorüber. Ihre Auswirkungen bestimmten die Nachrichtenlage auch in der vergangen Woche, in die eine seit Monaten geplante Programmierung der ARD fiel, die sich an zwei Abenden mit den Themen "Flüchtlinge" und "Islam" auseinandersetzte. Nach einer Reportage zum Thema und der Ausstrahlung der Verfilmung von Michel Houellebecqs Roman Unterwerfung wurde in Talkrunden diskutiert.

Die Migrationsfrage hat die Gesellschaft ohne Zweifel politisiert. Die Diskussion ergriff den engsten Familien- und Freundeskreis und wird seither auch dort durchaus heftig geführt. Aus gutem Grund: Verbunden mit der Frage nach der eigenen Identität in Zeiten der Globalisierung stellt sie inmitten einer in vielen Ländern schwelenden sozialen Krise und der Auflösung außenpolitischer Allianzen die Eckpfeiler unserer alten Gesellschaftsordnung infrage.