Fragt man die Nutzer von ZEIT ONLINE, wie sie über ältere Menschen denken und welche Erfahrungen sie selbst mit dem Alter gemacht haben, bekommt man so bezaubernde Zuschriften wie jene der Leserin H. Sie schildert, wie sie nach dem Abitur einige Zeit in Israel lebte und dort in einem Seniorenheim arbeitete. "Die Zeit dort hat meine Ansichten verändert – vor allem was Tod, Alter und Schönheit angeht", schreibt die Leserin und führt aus: "Sie ahnen nicht, wie schön eine über neunzigjährige Frau sein kann. Eine hatte unzählige Falten und Flecken, konnte nur noch selten sprechen – aber wenn sie gelächelt hat, ging die Sonne auf."

Einige Leser – insgesamt haben rund 4.000 Menschen auf die Fragen von ZEIT ONLINE geantwortet – schildern aber auch Einsamkeit und Ängste. Manche fühlen sich von anderen nicht mehr gesehen, weil ihnen, wie sie glauben, die Attraktivität abhandengekommen ist; andere berichten von Bedenken, dass ihr Wissen verloren geht, wenn Jüngere sie am Arbeitsplatz ersetzen.

Was und wie Menschen über das Alter denken, ist ein wichtiger Indikator dafür, wie es ihnen selbst im Alter tatsächlich ergehen wird: Wer dem Alter positiv entgegensieht, lebt in der Regel länger und bleibt länger gesund als jene Menschen, denen ihre Zukunft in trübem Licht erscheint. Das ist eines der Ergebnisse einer Befragung von 150.000 Menschen in 101 Ländern der international tätigen Rechercheorganisation Orb Media, mit der die ZEIT kooperiert. Dieser Studie zufolge ist aber nicht nur der individuelle Blick auf das Alter wichtig, sondern auch die generelle Vorstellung einer Gesellschaft: In Ländern, in denen Ältere allgemein wenig respektiert werden, sind diese oft nicht nur geistig und körperlich gebrechlicher, sondern im Schnitt auch ärmer als die jüngeren Bewohner des jeweiligen Landes.

Altern - »Ich bin aktiv und viel unter Menschen« Ein erfüllender Job, viel Bewegung und Gemeinschaft: Im Video sprechen Menschen verschiedener Herkunft über ihr Älterwerden und das Rezept zum Glück. © Foto: Zeit Online

Dabei ändert sich die Altersstruktur derzeit in fast allen Ländern rapide, nur Afrika bleibt überwiegend jung. Einer von fünf Menschen wird im Jahr 2050 über 65 Jahre alt sein, wenn sich die Bevölkerungszahlen weiter wie bisher entwickeln. Insgesamt werden dann fast eine halbe Milliarde Menschen älter sein als 80 Jahre. Das heißt auch, dass wenige Junge für viele Alte sorgen müssen.

Eine Welt der Erfahrenen

Heute machen die Älteren 8,3 Prozent der Weltbevölkerung aus. Im Jahr 2050 werden es 15,8 Prozent sein.

Quelle: Orb Media

So ist es zu erklären, dass sich weltweit etliche Forscher bemühen herauszufinden, wie sich Alterungsprozesse im Körper aufhalten lassen. In jüngster Zeit haben sie entdeckt, was man schon geahnt hat: Wer langsamer altern will, sollte keine Zigaretten rauchen, wenig Alkohol trinken und sich viel bewegen. Wer lebenslang Ausdauersport auf Wettkampfniveau betreibt, kann sein biologisches Alter um bis zu 20 Jahre senken. Außerdem sollte man vor allem Gemüse essen, insgesamt aber wenig und sogar ab und zu fasten.

Pakistan: Großvater mit seinem Enkel. In Pakistan sind alte Menschen hoch geachtet. © Christophe Boisvieux/laif

Die Journalisten von Orb haben dieser Liste nun einen weiteren Punkt hinzugefügt: Respekt. Das Ergebnis der Orb-Befragungen wird auch von den Untersuchungen der Altersforscherin Becca Levy von der Yale University bestätigt. Levys Forschung zeigt, dass Menschen mit einem positiven Bild vom Alter länger leben und besser altern. Sie sind weniger depressiv oder ängstlich, erholen sich leichter von körperlichen Einschränkungen und erkranken mit geringerer Wahrscheinlichkeit an Demenz oder Alzheimer. In einer Studie hat Levy jahrzehntelang das Leben von Amerikanern begleitet. Sie fand heraus, dass Menschen mit einem positiven Bild vom Alter siebeneinhalb Jahre länger lebten als andere, die negativ auf das Alter blickten. Eine Erklärung für diese Ergebnisse hat die Epidemiologin auch: Wer dem Alter negativ gegenübersteht, hat einen höheren Stresspegel. Und Stress verursacht eine ganze Reihe von gesundheitlichen Problemen.

Die globalen Daten von Orb zeigen nun, wie es um den Respekt vor dem Alter im internationalen Vergleich bestellt ist. Diese Befunde gleicht die Rechercheorganisation mit anderen Zahlen und Studien zur Lage älterer Menschen ab und stellt fest: Am meisten Respekt für Ältere haben Ungarn, Usbeken und Rumänen. In der Ukraine, in Tansania oder Südkorea hingegen begegnet man Älteren mit wenig Respekt. Dort geht es älteren Menschen geistig und körperlich tendenziell schlechter, sie haben auch ein höheres Armutsrisiko.

Quelle: Orb media © ZEIT-Grafik

Dass positives Ansehen allein aber nicht reicht, zeigt das Beispiel Pakistan – eines der Länder, in denen Ältere am meisten respektiert werden. Hier habe der Respekt für Ältere eine lange Tradition, sagt Faiza Mushtaq, eine Assistenzprofessorin für Soziologie in Pakistans größter Stadt Karatschi. Allerdings würden immer mehr Einwohner in die Stadt ziehen. So bröckelten traditionelle Familienstrukturen, sagt die Wissenschaftlerin. Und weil es in Pakistan keine staatliche Altersversorgung gebe, wachse die Zahl der Altersarmen.