Der moderne Alltag ist eine Zumutung, man hat alles, was man braucht, aber mindestens die Hälfte davon ist schlecht für einen. Das Plastik in den Flaschen, das Sitzen im Büro, das Licht der iPads, das uns den Schlaf raubt. Unter solchen Umständen ist leben ein Knochenjob.

Zum Beispiel Smartphones, geile Erfindung, trotzdem hat man nur Ärger damit. Immer ist man auf allen Kanälen für alle erreichbar, ständig wird man von Vibrationen in der Hose unterbrochen, und irgendjemand ärgert sich garantiert, weil man unhöflicherweise draufguckt. Meine Freundin wird zum Beispiel total sauer, wenn ich am Esstisch das Smartphone heraushole. Das belastet mich. Erstens weil ich mir denke, was für eine durchschnittliche Beziehung wir doch führen müssen, wenn wir über Smartphones am Esstisch streiten. Zweitens verdient sie mehr Geld, ich muss also aufpassen, was ich mir erlaube.

Zum Glück gibt es für jedes dieser Alltagsprobleme den passenden Trend und jemanden, der ihn gerade ausprobiert. Letztens saß ich mit meiner amerikanischen Bekannten Sarah beim Frühstück, und sie zeigte mir, wie sie den Bildschirm ihres Telefons grau gestellt hatte. Um sich den reizvollen Farben der Apps zu entziehen. "Das machen jetzt alle", sagte sie. Und weil Sarah so schlau ist, dass sie bald eine Professur an der Universität von Chicago antritt, und ich schlau genug bin, um zu wissen, wem ich was nachmachen sollte, sagte ich mir: Logisch, grau, das ist die Lösung.

Es ist nämlich so, dass Menschen nicht nur die ganze Zeit an ihren Telefonen hängen, weil die Dinger so verdammt praktisch sind, weil man in der Kneipe Fußballergebnisse checken und auf dem Klo Nachrichten schreiben kann (ich schätze, 50 Prozent der Nachrichten, die Sie erhalten, kommen vom Klo) – sondern auch, weil die Geräte und die Apps, die auf ihnen laufen, so designt sind, dass sie die maximale Aufmerksamkeit ihrer Benutzer fordern. Durch die Verwendung von grellen Signalfarben. Dass Farben eine solche Wirkung haben, weiß jeder, der schon mal auf dem Rummel war.

Das Mittel gegen Handysucht ist es also, die Geräte ungeiler zu machen, als sie eigentlich sind. Und natürlich zeugt das auch von einem zeitgemäßen Menschenbild. Keine Illusion vom freien Willen. Wir sind programmierbare Wesen. Freiheit gibt es für uns nur, wenn wir uns selbst aus den Reiz-Reaktions-Schemata herausmanipulieren, denen wir unterworfen sind. Wie ein Hamster, der sein Laufrad sabotiert. Ich finde so viel Klarheit über mein Wesen befreiend.

Um Ihr Telefon auf Grau zu stellen, müssen Sie beim iPhone lediglich folgenden Weg gehen: Einstellungen, Allgemein, Bedienungshilfen, Display-Anpassung und anschließend unter "Farbfilter" den Menüpunkt "Graustufen wählen". Bei Android müssen Sie die sogenannten Entwickleroptionen freischalten, gehen Sie dafür auf den Menüpunkt "Über das Telefon", und klicken Sie bis zu siebenmal auf das Logo des Betriebssystems oder die sogenannte Build-Nummer (fragen Sie mich nicht, warum). Jetzt sollte im Hauptmenü der Reiter "Entwickleroptionen" erscheinen, in denen suchen Sie unter "Hardware" den Menüpunkt "Farbraum simulieren". Da wollen Sie hin. Wenn Sie ein Windows-Phone haben, kann ich Ihnen auch nicht helfen.

Nach ein paar Wochen kann ich sagen: Es funktioniert. Mein Telefon ist brutal langweilig geworden. Instagram macht überhaupt keinen Spaß mehr, das so schön inszenierte Leben meiner Freunde wirkt in Schwarz-Weiß ziemlich fad. Sportclips auf YouTube lösen auch keine Gefühle mehr in mir aus. Und Facebook hat das letzte bisschen Reiz verloren, das es noch hatte. Das einzige Problem: Einige Funktionseinstellungen des Telefons sind nicht mehr zu erkennen, weil sie beim Aktivieren die Farbe wechseln. Ist der Flugmodus jetzt an oder aus? Auch bei Google Maps sorgte der graue Bildschirm für Verwirrung. Es war schwer zu unterscheiden, auf welche Route die App einen schickte und welche sie nur als Alternative anbot. Und Pornografie funktioniert gar nicht in Schwarz-Weiß. Das nur zur Info.

Das Smartphone ist wieder mehr Werkzeug und weniger Ablenkungsmaschine. Aber noch besser ist die soziale Anerkennung, die man mit dem grauen Telefon gewinnt. Zeigt man es Kollegen, wollen die es auch gleich ausprobieren. Wie nervöse Raucher, die hoffen, endlich von den Kippen wegzukommen.