Gerd Peters vor seinem umgebauten Linienbus in München. © Simon Koy für DIE ZEIT

Gerd Peters ist ein Mensch, der nichts lieber tut, als sich zu ärgern. Jetzt gerade ärgert er sich über den Scheiß-Bus, in dem er steht. Der Bus piept laut, und seine Türen lassen sich nicht öffnen. "Warum heulst du denn?", fragt er den Bus. Er rüttelt an den Türen, aber es bewegt sich nichts.

Der Bus, ein ausrangiertes Linienfahrzeug der Münchner Verkehrsgesellschaft, parkt vor der Allianz Arena, dem Stadion des FC Bayern. Von außen hat jemand Graffiti auf den Lack gesprüht. "Denkt wohl, der wär ’n großer Künstler", sagt Gerd Peters.

Weingummi, eine Flasche Wasser, eine Packung Tabak, eine Pfeife

Eine Dreiviertelstunde lang ist er an diesem Sommertag von zu Hause hergeradelt, auf den Gepäckträger hatte er eine Kiste mit seinen wichtigsten Utensilien geklemmt: eine Tüte Weingummi, eine Flasche Wasser, eine Packung Tabak Mac Baren Scottish Blend, eine Pfeife. Am Lenker hing eine leere Einkaufstüte von Aldi. Gerd Peters hat den Bus aufgeschlossen, sein Fahrrad hineingestellt, ein paar Knöpfe auf dem Armaturenbrett gedrückt – und seitdem fiept es.

Gerd Peters, der lieber Gerd als Herr Peters genannt werden will, ist ein Busfahrer, aber kein ganz normaler. Sein Bus hält sich an einen Fahrplan: Die Haltestellen und die Uhrzeiten sind festgelegt. Nur dass Gerd seinen Bus nicht durch die schönen Straßen der Stadt fährt. Er fährt durch die hässlichen. Dort, wo München verwechselbar wird mit Berlin-Marzahn, Dortmund-Nordstadt oder Köln-Chorweiler. Gerd ist ein Busfahrer mit einem sozialen Auftrag oder ein Sozialarbeiter mit einem Bus, je nach Perspektive. Er will die Jugendlichen in sozialen Brennpunkten erreichen.

Es ist kurz nach drei am Nachmittag, und Gerds Schicht beginnt damit, dass er erst einmal aufgibt. Während der Bus weiter piept, holt Gerd den Tabak und die Pfeife aus seiner Kiste und setzt sich hinter das Steuer. Neben dem Rückspiegel klebt ein vergilbtes Nichtraucherschild. "Weiß schon, dass man hier nicht darf ...", murmelt er und zündet seine Pfeife an. Er schaltet den Motor ein und gibt Gas, fährt über die Autobahn und grantelt dabei vor sich hin. Schließlich erreicht er das Viertel Neuaubing. Vor einem Bau, der einmal ein Einkaufszentrum war, parkt Gerd den Bus, steigt aus und geht spazieren.

"Wundert mich, dass ihr den Bus noch nicht aufgebrochen habt."
Gerd Peters, Sozialarbeiter

Wer ihn sieht – ein zierlicher Mann von 64 Jahren, langer, grauer Bart, lange, graue Haare, immer eine dieser karierten Schiebermützen auf dem Kopf –, würde denken, er sei ein Intellektueller, ein Buchautor vielleicht oder ein Musiker. Einer, der sich gern Kunstausstellungen anschaut. Stattdessen blickt er nun in die Schaufenster verlassener Geschäfte. Eine Bäckerei, in der noch die Bleche stehen, überzogen von Spinnweben. "Da war mal ein Tengelmann", sagt er, "hat dichtgemacht, weil mehr geklaut als gekauft wurde." Um ihn herum: Menschen mit Rollatoren, Frauen mit Kopftüchern und kleinen Kindern. Die Aldi-Tüte, die vorhin noch an Gerds Fahrradlenker hing, benutzt er jetzt, um beim Penny-Markt an der Ecke einzukaufen: Capri-Sonne, Cola, Chips und Schokoriegel. Für seine Fahrgäste.

Als Gerd zurück zum Bus kommt, warten sie schon auf ihn: ein Dutzend junger Männer, gerade volljährig, in Jogginghosen und Hoodies.

"Wundert mich, dass ihr den Bus noch nicht aufgebrochen habt", ruft Gerd ihnen zu. "Ich schwör, würden wir nie tun, Gerd!", antwortet einer der Jungs.

Gerd schließt auf, breitet die Einkäufe auf einer Sitzbank aus, die Gäste greifen nach den Getränken und Süßigkeiten und verkriechen sich in die hinteren Reihen. Der Bus ist so umgebaut, dass er einem Café ähnelt – mit Sitznischen und kleinen Tischen. Aus einem Lautsprecher rappen nacheinander Sido, Capital Bra, Shindy und Kollegah. Gerd, dem das zu viel wird, setzt sich raus auf eine Bank neben dem Bürgersteig. Drei Stunden wird er hier sitzen, wird die dritte, vierte und fünfte Pfeife seiner Schicht rauchen. Die Jungs, erzählt er, nerven ihn an manchen Tagen extrem. Aber es ist auch eine erfüllende Arbeit. Schließlich ist Gerd derjenige, der sich für diese Jugendlichen interessiert, er hat seinen Platz in ihrem Leben gefunden. Und manchmal kann er mit wenigen Worten viel Unglück verhindern, dann, wenn er ihnen sagt: "Lasst euch nicht mit Drogen erwischen, verprellt euren Arbeitgeber nicht."

Alltag in der grauen Welt

Im Bus unterhalten sich die Jungs über Intimpiercings, über die Preise von Gras, über Haftstrafen. Sie pusten Rauchringe in die Luft, rappen sich selbst gedichtete Songs vor, die vom "Alltag in der grauen Welt" und vom "Leben in der Fantasie" handeln. Die meisten hier machen gerade ihren Schulabschluss oder eine Ausbildung, ihre Eltern stammen aus der Türkei, aus Italien, Albanien, Marokko.