Vielleicht – und das wäre ein schöner Gedanke – ist die Sache mit der Liebe ja folgendermaßen: Da, wo es an anderem mangelt, an Geld, Glück und Gütern, da kann sie im Überfluss sein. Vielleicht rede ich mir das aber auch nur ein, weil schöne Gedanken zur Liebe passen und weil man das in unserer vernunftorientierten und therapeutisch durchanalysierten Welt nicht einfach so sagen kann, dass jemand an die großen Gefühle glaubt, an Liebe und den ganzen Schwachsinn. Man kann es nicht, und vielleicht bin ich auch deshalb manchmal so gern in Russland, weil in St. Petersburg, wo ich die ersten elf Jahre meines Lebens verbracht habe und wo alles immer noch nach Kindheit und Geborgenheit riecht, die Assoziation von Peinlichkeit bei Romantik nicht gilt, vor allem nicht an zehn Tagen im Juni, in den sogenannten Weißen Nächten, wenn die Sonne ihren üblichen Regeln widerspricht und auch nachts noch scheint.

Die aus der ehemaligen UdSSR stammende Autorin Olga Grjasnova nannte ihren ersten Roman Der Russe ist einer, der Birken liebt. Die Birken stimmen. Aber der Satz stimmt auch immer noch, wenn man die Birken weglässt: Der Russe ist einer, der liebt. Er liebt sein Land, seine Heimat, die Liebe an sich und die zu anderen Menschen, in Russland mag man Freunde nicht nur, man liebt sie, man drückt und man küsst sie, wie man auch die Eltern, die Großeltern liebt. Der Russe liebt seine Dichter und seine Komponisten, Puschkin, Tschaikowsky und all die anderen auch, manch einer liebt sogar Putin, er liebt alles mit dieser berühmten russischen Seele, und den Schmerz, der mit dieser Liebe einhergeht, nimmt er hin. Nie wurde ich herzlicher gedrückt, nie üppiger gefüttert, nie tränenreicher geliebt als in Russland.

Der Petersburger ist einer, der sein Petersburg liebt, so sehr, dass er gerne einen zart klingenden Kosenamen für seine Stadt verwendet: Piter. Und wie sich beim "i" von Piter die Mundwinkel zu einem Lächeln verziehen, das Lächeln haben sie uns mit der Liebe eingeimpft, mit dem Stolz, aus dieser Stadt zu stammen, und sie haben vergessen, infrage zu stellen, ob das in Ordnung ist, so auf seine Herkunft stolz zu sein, da war nur Gefühl. Voller Gefühl, so werden dann auch die Weißen Nächte gefeiert, diese für Petersburger heilige Zeit. Zehn Tage, in denen die Sonne kaum untergeht, weshalb es auch nachts noch hell oder höchstens leicht dämmrig ist, aber Letzteres zuzugeben wäre von einem Petersburger bereits zu viel verlangt: Die Weißen Nächte sind weiß und basta.

Diese Aufregung im Bauch, wie in der Neujahrsnacht: Alle Spielregeln der Kindererziehung werden außer Kraft gesetzt. Mein Vater rüttelt mich wach, ich bin sechs, sieben, acht Jahre alt, steh auf, komm, Weiße Nächte. Es ist zehn, elf Uhr nachts. Mit einem Mal wach, und in den Trams und Metros der Stadt herrscht plötzlich dasselbe Gedränge wie tagsüber: Menschen quetschen sich in die Wagen hinein, ungebetener Körperkontakt, der Geruch von Enge und Schweiß. Aber etwas ist anders in diesem Gedränge, in den Gesichtern der Menschen. Der Uhrzeit zum Trotz scheint die übliche, alltagsbedingte Müdigkeit aus den Mundwinkeln gewichen, die Sorge in den Augen scheint von einer Freude überdeckt. Ich blicke zwischen Hüften und Bäuchen um mich herum nach oben und erkenne meine eigene Aufregung in den Augen der anderen Menschen wieder: Die Weißen Nächte sind da, wir strömen an die Newa.

Die Newa, eine andere Petersburger Liebe, dieser ewig breite Fluss, der durch die Stadt in die Ostsee fließt, über ihr die herrschaftlichen, detailschönen Brücken. Viele von ihnen immer noch Klappbrücken, weil Peter der Große die Stadt als eine Schiffsstadt plante. Pünktlich um zwei Uhr nachts gehen die Brücken auf, ein weiterer Stolz: Wie sie Nacht für Nacht ihre mächtigen Arme ausbreiten, um riesige Schiffe passieren zu lassen, Großstadt als gelebtes Gefühl. Die Newa-Ufer sind während der Weißen Nächte endlose Flaniermeilen. Es schwirren die üblichen Mückenschwärme (die Stadt wurde auf Sumpf errichtet), und mir ist auch heute noch, als hätten sie es alle nur auf mich abgesehen; es schwirren frisch und schon lange nicht mehr Verliebte, die sich an den Mücken so viel weniger zu stören scheinen als ich; es schwirren, wie immer, Familien, die Kinder an den Händen der Mütter und auf den Schultern der Väter, in dieser halb wachen Aufregung schwelgend, wie vor vielen Jahren schon ich; es schwirren Gesänge, Gitarrenklänge von am Ufer sitzenden Grüppchen, melancholische Lieder, Liebeserklärungen an die eigene Stadt.

Ich setze meinen Neffen von meinen Schultern wieder auf den Boden, wie schwer sie doch sind, diese Kinder, darüber habe ich mir, als ich auf den Schultern meines Vaters saß, nie Gedanken gemacht. Bleibe stehen und lausche und wundere mich, dass manche Textzeilen so viele Jahre später immer noch im Gehirn gespeichert zu sein scheinen, Dichterzeilen von Joseph Brodsky zum Beispiel, die ich als Kind schon mitsang, die aber erst jetzt Bedeutung bekommen: "Dort, beim Fluss, hinter den Bäumen, plätschert Erinnerung gegen Granit, da lärmt die Newa ..." Meine Cousine zieht mich weiter, "komm, komm", ich wiederum ziehe ihren Sohn, als könnten wir zu spät sein für etwas in dieser Nacht, in der sich doch nichts weiter ereignet als diese vorsichtige, zarte Helligkeit in der Luft. Als sei dieses Licht ein Versprechen gegen die Regeln des Lebens: dass alles vergessen sei, dass nur dieser Moment zähle.

Man mag nicht zu überschlagen versuchen, wie viele Heiratsanträge in diesen Nächten vorgebracht werden, wie viele süßliche Worte, man könnte meinen, die Weißen Nächte seien das russische Pendant zum abendlich beleuchteten Eiffelturm, ein östliches romantisches Klischee. Ja, ein russisches Klischee, denke ich, wenn ich sie sehe, diese unzähligen Paare, die sich in Gruppen und Menschenmengen vermischen, gemeinsam trinken und sich umarmen, sich küssen, singen und grölen, die, weil wir nicht mehr in meiner Kindheit sind, ihre Selfie-Sticks zücken und unzählige Beweisfotos schießen und in der virtuellen Welt verbreiten, seht her, ich bin hier, und das sind meine Begleiter.