Brady Blackburn (Brady Jandreau) hat eine seltene Gabe: Er kann mit Pferden umgehen, als wären sie Menschen, als würde er ihre Gefühle, ihre Sprache verstehen. Zugleich ist er ein Rodeo-Reiter, also jemand, der ein Pferd im Akt seiner höchsten Aggression zu bändigen versucht. Bradys Leidenschaft gehört diesem Spagat. Doch gleich zu Beginn des Films The Rider von Chloé Zhao wendet sich seine Existenz ins Tragische: Brady ist bei einem Rodeo-Ritt vom Sattel gestürzt und hat dabei eine Hirnfraktur erlitten. Er darf nicht mehr reiten. Also nicht mehr tun, wozu er sich bestimmt und geschaffen fühlt.

Was wie ein Pferdeliebhaber-Film klingt, offenbart sich schnell als Parabel auf eine verhinderte Künstlerexistenz. Brady steht archetypisch für all jene Frauen und Männer, die ihr ganzes Streben einer Sache widmen, die sie nicht ausüben dürfen oder können – und daran fast zugrunde gehen, wenn ihnen der künstlerische Ausdruck versagt bleibt. Der Film kreist hundert faszinierende Minuten um die Frage, ob sich ein Leben lohnt, das an seiner wahrhaften Bestimmung vorbeischrammt. Und ob es einen Ausweg aus diesem Dilemma gibt.

Das Besondere an diesem Film ist seine greifbare atmosphärische Genauigkeit, die detailreiche Annäherung an das Hinterland der USA: Die Geschichte spielt im Süden Dakotas, dem verwaisten Teil des amerikanischen Westens. Wir sehen eine Familie von Abgehängten, Abkömmlinge des sogenannten white trash: Die Mutter ist vor ein paar Jahren an Krebs gestorben. Der Vater wiederum, eigentlich ein Pferdefarmer, ist spielsüchtig und verzockt das wenige Geld in der Kneipe am Automaten. Er versucht mit letzter Kraft, seine geistig beeinträchtigte 14-jährige Tochter zu erziehen – ihr etwa einen BH aufzuzwingen, den sie partout nicht tragen will, weil sie für immer ein Kind bleiben möchte. Die Familie, die in einem Wohnwagen lebt, hat also nicht viel Grund zum Hoffen. Die Abendessen bestehen aus Pizzaresten und aufgetauten Burger-Pattys. Wenn die Not groß ist, wird ein wilder Hase geschlachtet und in der Pfanne gebraten.

Obwohl die Ärzte Brady mitteilen, dass ein weiterer Ritt sein Leben in Gefahr bringen könnte, steigt er immer wieder aufs Pferd und sucht das Risiko, als wäre er von einer Todessehnsucht getrieben. Die Narben nach der Implementierung einer Metallplatte im Kopf sind immer noch nicht verheilt. Doch die Träume sitzen zu tief, sie akzeptieren die Diagnose nicht. Nach und nach ahnt Brady, dass er seine Zukunft völlig neu definieren muss, falls er wieder neuen Lebenssinn schöpfen will.

Es gibt eine fantastische Szene in diesem stillen Film, die das Ringen um diesen Sinn in seiner ganzen Drastik darstellt: Brady bemerkt eines Morgens auf der Farm, dass sein Pferd Apollo eine Verletzung am Bein hat. Er weiß, dass sie so tief ist, so unheilbar schwer, dass ihm nur eine Option übrig bleibt: der Gnadenschuss. Der verhinderte Reiter holt eine Schusswaffe hervor und hantiert mit ihr so unentschlossen herum, dass der Zuschauer nicht genau vorhersehen kann, ob Brady gleich die Waffe dem Pferd oder sich selbst an die Schläfe halten wird. Es ist der Wendepunkt dieses Films. Tier und Mensch blicken sich in die Augen. Der eine wird sterben, der andere muss leben.

Später, beim Besuch eines Freundes, der nach einem Rodeo-Unfall gelähmt ist, erzählen die Bilder von jener Sondermacht, die den Menschen vom Tier radikal unterscheidet: der Fantasie. Brady setzt sich gemeinsam mit seinem Rodeo-Freund an die Kante des Krankenbetts und imaginiert, wie es wäre, den Galopp, den Wind in den Haaren zu spüren und dabei das Rauschen der Blätter zu hören. Er ist für diesen einen Moment wieder ganz bei sich. Diese poetische Fantasie wird mit langen, eindrücklichen Totalen erzählt: Zu sehen sind die kargen Landschaften Dakotas, die breite Ödnis der Prärie, die majestätischen Sonnenuntergänge und die leeren Steppen und Felder, die Brady mit seinem Pferd durchreitet. Es wären Szenen des Kitsches, wenn nicht die Freiheit so stark zu spüren wäre, die Brady sich dank seiner Gedankenspiele heimlich zurückerobert.

Immer wieder sind es Ellipsen, mit denen die Regisseurin fast unmerkliche Identifikationsprozesse auslöst: Plötzlich fühlt man sich Brady, diesem introvertierten Cowboy, ganz verbunden, in seiner Trauer und in seiner Flucht ins Fantastische, in seinem verletzten Stolz über die verlorene Männlichkeit. Auch in seiner Resignation. Fast überflüssig zu sagen, dass Chloé Zhaos nichtprofessionelle Darsteller aus der Welt kommen, von der ihr Film erzählt.

Dies ist der zweite Film der 36-jährigen Regisseurin, die in Peking geboren wurde und in den Vereinigten Staaten aufwuchs. In jeder Einstellung spürt man, wie sie der Mythos des amerikanischen Westens fasziniert – stumm und archaisch wirkt das Land in Zhaos Blick, ganz anders als die Bilder amerikanischer Großstädte, die das Kino meist bevölkern. Die Aufnahmen lassen Raum, um sich in die Verlusterfahrung des darbenden Rodeo-Reiters einzufühlen. Sie zeigen auf berührende Weise, dass die Unterschiede zwischen den verschiedenen Amerikas und ihren unterschiedlichen Lebensformen an Bedeutung verlieren, wenn es um die tiefsten menschlichen Sehnsüchte, Wünsche, Hoffnungen und intimsten Verletzungen geht. Es mag wie eine Plattitüde klingen, doch in diesem Film wirkt sie vollkommen plausibel: Im Schmerz sind sich Menschen ganz nah.

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