DIE ZEIT: Herr Hitzlsperger, beginnen wir mit der sonst üblichen letzten Frage in einem Interview zur Weltmeisterschaft. Wer wird gewinnen?

Thomas Hitzlsperger: Diese Frage wird mir in letzter Zeit sehr häufig gestellt. Seit einem Jahr kommt immer dieselbe Antwort: Deutschland wird es schaffen. Ich glaube das, trotz der beiden Testspiele gegen Österreich und Saudi-Arabien.

ZEIT: Was hat Ihnen da nicht gefallen?

Hitzlsperger: Beim Spiel gegen Österreich war die Fehlerquote in der zweiten Halbzeit viel zu hoch. Aber mitten in einem Trainingslager ist eine solche Leistung durchaus zu erklären. Das kann passieren. Aber der Auftritt gegen Saudi-Arabien – ein seltsam fahriges Spiel. Die deutschen Spieler wirkten antriebs- und freudlos. Erfreulich ist jedoch, dass Manuel Neuer und Marco Reus gesund sind.

ZEIT: Ist es eigentlich schwerer, einen WM-Titel zu verteidigen, als ihn zu gewinnen?

Hitzlsperger: Darin sehe ich keinen Unterschied. Für Joachim Löw scheint mir die Titelverteidigung eine Extra-Motivation zu sein. Bislang hat noch kein deutscher Trainer dieses Kunststück fertiggebracht.

ZEIT: Wen zählen Sie zu den Mitfavoriten?

Hitzlsperger: Ich nenne Spanien, Frankreich, Argentinien und Brasilien.

ZEIT:Brasilien wird immer genannt ...

Hitzlsperger: ... die Brasilianer sind in einer sehr guten Verfassung. In der Qualifikation konnten sie überzeugen, und nun ist Neymar zurück und strotzt vor Spielfreude. Ich tippe, dass Brasilien im Finale gegen Deutschland spielt.

ZEIT: Portugal haben Sie nicht auf dem Zettel?

Hitzlsperger: Bei allem Respekt für das, was die Portugiesen bei der EM erreicht haben, ich glaube nicht, dass ihnen Ähnliches bei der WM gelingen wird. Christiano Ronaldo ist nach wie vor ein großartiger Fußballspieler. Der Kader Portugals ist aber nicht von der Qualität wie der anderer Topmannschaften.

ZEIT: Welcher No-Name könnte in Russland den Durchbruch schaffen?

Hitzlsperger: Wir haben in Stuttgart einen Abwehrspieler, Benjamin Pavard, der könnte es schaffen. Er ist zwar kein No-Name in der Bundesliga, aber auf internationaler Bühne relativ unbekannt. Es ist eine Freude, ihm zuzusehen.

ZEIT: Verbraucht sich das Glück irgendwann, das die deutsche Mannschaft so oft gehabt hat?

Hitzlsperger: Es gibt keine Anzeichen dafür. Im Gegenteil. Nach dem Spiel gegen Saudi-Arabien hat Marco Reus davon gesprochen, dass die Deutschen eine Turniermannschaft seien. Obwohl er nie dabei war. Es gibt also bei den Spielern dieses Gefühl, getragen zu werden.