Auf Palmen schaute Thomas Mann in seinem Garten, schreiben konnte er im "schönsten Arbeitszimmer meines Lebens". San Remo Drive 1550, Pacific Palisades: Das wurde zu einer magischen Adresse der deutschen Kulturgeschichte. Unter der Sonne Kaliforniens hatten sich die Manns ein modernes Haus bei Los Angeles bauen lassen, in das sie 1942 einzogen, Heimat für ein Jahrzehnt. Hier schrieb der Nobelpreisträger seinen erschütternden Künstler- und Epochenroman Doktor Faustus, hier entstanden Artikel gegen Nazi-Deutschland und seine Radioansprachen Deutsche Hörer. Bereits 1942 sprach er über die Judenvernichtung und fragte seine Zuhörer: "Wisst ihr Deutsche das? Und wie findet ihr es?" Das Haus wurde zu einer Zentrale der deutschen Demokratie im Exil. Täglich gab es die Tagebucheinträge zu Werk, Wehwehchen und Kriegsverlauf, den Spaziergang am Pazifik, dazu Besuch von Mitemigranten: von den Feuchtwangers und Werfels, den Freunden Bruno Frank und Bruno Walter, Adorno kam oft vorbei mit Tipps für den Faustus.

Genau hier eröffnet am Montag Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Thomas Mann House. 2016 wurde es von der Bundesrepublik erworben, als Residenz für Intellektuelle, die hier ein paar Monate lang über große Fragen nachdenken können, unweit der Villa Aurora, des einstigen Feuchtwanger-Domizils, seit 1995 deutsche Künstlerresidenz. Eine großartige Investition.

In diesen Zeiten wird Steinmeiers Reise nach Kalifornien unweigerlich zum Symbol, seine Rede anderntags bei der Konferenz The Struggle for Democracy könnte seine wichtigste überhaupt werden. Denn wie kann der Westen auf den zerstörerischen Kurs des amerikanischen Präsidenten reagieren? Jener Westen, den einer seiner Vorgänger begründet hat: Stets wusste Thomas Mann, dass der Sieg über die Nazis Franklin D. Roosevelt zu verdanken war. Am San Remo Drive formulierte er 1945 seinen moralischen Imperativ: "Man hat zu tun mit dem deutschen Schicksal und deutscher Schuld, wenn man als Deutscher geboren ist." Jetzt wird das Thomas Mann House zum Anker der Alten Welt in der Neuen, während sie auseinanderdriften. Die Einsicht des Schriftstellers von 1945 ist dabei leider aktuell: "Ich glaube, nichts Lebendes kommt heute ums Politische herum. Die Weigerung ist auch Politik; man treibt damit die Politik der bösen Sache."