Martin Stratmann ist seit 2014 Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, die an 84 Instituten Grundlagenforschung betreibt. Im Interview spricht er darüber, warum Primatenversuche heute wichtig sind, es künftig wohl noch mehr geben wird und wie deutsche Forscher sich im internationalen Wettbewerb behaupten können.

DIE ZEIT: Herr Stratmann, wer in Deutschland Tierversuche anstellt, hat keinen leichten Stand. Auch die Max-Planck-Gesellschaft gerät immer wieder ins Kreuzfeuer. Gibt es für wissenschaftliche Experimente an Tieren überhaupt noch eine Mehrheit in Deutschland?

Martin Stratmann: Es ist richtig, dass wir einen anhaltenden Konflikt mit Tierversuchsgegnern haben. Die deutsche Öffentlichkeit reagiert deutlich differenzierter. Wir haben zudem eine klare politische Rückendeckung, und auch die Medien widmen sich dem Thema weitgehend ausgewogen. Es gibt in diesem Land einen recht breiten Konsens, dass wir Tierversuche brauchen, um wissenschaftlichen und medizinischen Fortschritt zu erzielen.

ZEIT: Lassen Sie uns über Nikos Logothetis reden, den Direktor des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik in Tübingen, über dessen Fall kürzlich das Dossier der ZEIT (Nr. 23/17) groß berichtete. 2014 wurden Bilder ausgestrahlt, die heimlich in Logothetis’ Institut aufgenommen wurden. Der weltweit anerkannte Hirnforscher wurde daraufhin heftig angegriffen und beendete bald darauf seine Arbeit mit Primaten. Die Staatsanwaltschaft ermittelte, das Amtsgericht Tübingen erteilte einen Strafbefehl, die Max-Planck-Gesellschaft entzog ihm daraufhin einen Teil seiner Leitungsfunktion. Es gibt prominente Kritiker, die Ihnen jetzt vorwerfen, sich nicht genug hinter einen Ihrer führenden Forscher gestellt zu haben. Was antworten Sie den Kritikern?

Stratmann: Der Erfolg der Max-Planck-Gesellschaft basiert auf dem Gleichgewicht von Freiheit auf der einen und Verantwortung auf der anderen Seite. In dem Moment, in dem wir Anzeichen von Fehlentwicklungen sehen, haben wir die Verpflichtung, dem nachzugehen. Ein Strafbefehl wegen eines Vergehens gegen das Tierschutzgesetz ist ein solches Anzeichen – selbst wenn dieser Strafbefehl noch nicht rechtskräftig ist. Das ist keine Kleinigkeit.

ZEIT: Die Primatenversuche in Tübingen sind eingestellt. Anderswo in Deutschland werden Lehrstühle für Primatenforschung nicht neu besetzt, wie etwa an der Ruhr-Uni Bochum. Verliert diese Forschung allmählich die Rückendeckung auch innerhalb der Wissenschaftsgemeinde?

Stratmann: Hier spielen zwei wichtige Aspekte eine Rolle. Zum einen ist der Druck, den die Proteste auf die jeweiligen Wissenschaftler ausüben, extrem groß. Die Angriffe sind oft sehr persönlich und gehen damit an die Grenze dessen, was ein Mensch aushalten kann. Ich finde das unerträglich. Zum anderen sind Primatenversuche extrem teuer. Nehmen sie die MPIs in Tübingen und Frankfurt, wo Versuche mit Affen gemacht wurden oder noch werden. Wenn Sie da hineingehen, finden Sie erstklassige Primatenhäuser, das Ganze sieht eher aus wie in einem Zoo, nicht wie in einem Forschungsinstitut. Dazu kommen Investitionen in OP-Säle, die fast auf humanmedizinischem Standard sind.

ZEIT: Heißt das, der Aufwand wird zu hoch? Oder wird die Max-Planck-Gesellschaft auch in Zukunft weiter an Affen forschen?

Stratmann: Wir finden Versuche an nicht menschlichen Primaten wichtig. Wir werden uns aus dieser Forschung nicht zurückziehen. Die Voraussetzung ist, wie in anderen Bereichen, dass wir erstklassige Wissenschaftler dafür gewinnen können.

ZEIT: In Europa und den USA geht die Zahl der Primatenversuche zurück, in Japan und vor allem China explodieren die Zahlen. Warum?

Stratmann: An Primaten lassen sich viele Krankheiten erheblich besser simulieren als an Ratten oder Mäusen. Gerade halten neuartige, hochpräzise Techniken wie Crispr/Cas9 Einzug in die Wissenschaft. Nach gezielten Eingriffen ins Erbgut können wir menschliche Erkrankungen an Primaten noch deutlich besser erforschen. Und in der Kognitionsforschung lässt sich vieles nur sinnvoll an Tieren testen, die entsprechende kognitive Funktionen haben.