DIE ZEIT: Herr Stratmann, wer in Deutschland Tierversuche anstellt, hat keinen leichten Stand. Auch die Max-Planck-Gesellschaft gerät immer wieder ins Kreuzfeuer. Gibt es für wissenschaftliche Experimente an Tieren überhaupt noch eine Mehrheit in Deutschland?

Martin Stratmann: Es ist richtig, dass wir einen anhaltenden Konflikt mit Tierversuchsgegnern haben. Die deutsche Öffentlichkeit reagiert deutlich differenzierter. Wir haben zudem eine klare politische Rückendeckung, und auch die Medien widmen sich dem Thema weitgehend ausgewogen. Es gibt in diesem Land einen recht breiten Konsens, dass wir Tierversuche brauchen, um wissenschaftlichen und medizinischen Fortschritt zu erzielen.

ZEIT: Lassen Sie uns über Nikos Logothetis reden, den Direktor des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik in Tübingen, über dessen Fall kürzlich das Dossier der ZEIT (Nr. 23/17) groß berichtete. 2014 wurden Bilder ausgestrahlt, die heimlich in Logothetis’ Institut aufgenommen wurden. Der weltweit anerkannte Hirnforscher wurde daraufhin heftig angegriffen und beendete bald darauf seine Arbeit mit Primaten. Die Staatsanwaltschaft ermittelte, das Amtsgericht Tübingen erteilte einen Strafbefehl, die Max-Planck-Gesellschaft entzog ihm daraufhin einen Teil seiner Leitungsfunktion. Es gibt prominente Kritiker, die Ihnen jetzt vorwerfen, sich nicht genug hinter einen Ihrer führenden Forscher gestellt zu haben. Was antworten Sie den Kritikern?

Stratmann: Der Erfolg der Max-Planck-Gesellschaft basiert auf dem Gleichgewicht von Freiheit auf der einen und Verantwortung auf der anderen Seite. In dem Moment, in dem wir Anzeichen von Fehlentwicklungen sehen, haben wir die Verpflichtung, dem nachzugehen. Ein Strafbefehl wegen eines Vergehens gegen das Tierschutzgesetz ist ein solches Anzeichen – selbst wenn dieser Strafbefehl noch nicht rechtskräftig ist. Das ist keine Kleinigkeit.

ZEIT: Die Primatenversuche in Tübingen sind eingestellt. Anderswo in Deutschland werden Lehrstühle für Primatenforschung nicht neu besetzt, wie etwa an der Ruhr-Uni Bochum. Verliert diese Forschung allmählich die Rückendeckung auch innerhalb der Wissenschaftsgemeinde?

Stratmann: Hier spielen zwei wichtige Aspekte eine Rolle. Zum einen ist der Druck, den die Proteste auf die jeweiligen Wissenschaftler ausüben, extrem groß. Die Angriffe sind oft sehr persönlich und gehen damit an die Grenze dessen, was ein Mensch aushalten kann. Ich finde das unerträglich. Zum anderen sind Primatenversuche extrem teuer. Nehmen sie die MPIs in Tübingen und Frankfurt, wo Versuche mit Affen gemacht wurden oder noch werden. Wenn Sie da hineingehen, finden Sie erstklassige Primatenhäuser, das Ganze sieht eher aus wie in einem Zoo, nicht wie in einem Forschungsinstitut. Dazu kommen Investitionen in OP-Säle, die fast auf humanmedizinischem Standard sind.

ZEIT: Heißt das, der Aufwand wird zu hoch? Oder wird die Max-Planck-Gesellschaft auch in Zukunft weiter an Affen forschen?

Stratmann: Wir finden Versuche an nicht menschlichen Primaten wichtig. Wir werden uns aus dieser Forschung nicht zurückziehen. Die Voraussetzung ist, wie in anderen Bereichen, dass wir erstklassige Wissenschaftler dafür gewinnen können.

ZEIT: In Europa und den USA geht die Zahl der Primatenversuche zurück, in Japan und vor allem China explodieren die Zahlen. Warum?

Stratmann: An Primaten lassen sich viele Krankheiten erheblich besser simulieren als an Ratten oder Mäusen. Gerade halten neuartige, hochpräzise Techniken wie Crispr/Cas9 Einzug in die Wissenschaft. Nach gezielten Eingriffen ins Erbgut können wir menschliche Erkrankungen an Primaten noch deutlich besser erforschen. Und in der Kognitionsforschung lässt sich vieles nur sinnvoll an Tieren testen, die entsprechende kognitive Funktionen haben.

ZEIT: Es wird in Zukunft also eher mehr Experimente an Affen geben als weniger?

Stratmann: Ja, das ist zu erwarten. Was Sie nicht vergessen dürfen: Diese Forschung ist extrem aufwendig. Das kann man nicht an jedem Institut machen. Und ich möchte nicht verleugnen, dass damit viele ethische Fragen aufkommen. Ein Primat hat ein ganz anderes Empfindungsvermögen als primitivere Lebewesen, er leidet unter den Folgen von genetischen Eingriffen möglicherweise mehr als andere Tiere.

ZEIT: Wie weit sind die Entwicklungen auf diesem Feld der Forschung?

Stratmann: Ganz am Anfang. Aber es entstehen für solche Experimente große Versuchseinrichtungen in China. Wir müssen uns überlegen, wie wir damit umgehen wollen. Diese Art von Forschung ist so kompliziert, dass sie die finanziellen Möglichkeiten kleinerer Institute schnell sprengt.

ZEIT: Sind die Anforderungen an Tierversuche aus Ihrer Sicht in Deutschland zu hoch?

Stratmann: Die Anforderungen an den Umgang mit Tieren sind in Deutschland sehr hoch, aber gerade das ist die Garantie dafür, dass wir die Experimente durchführen können. Die Einhaltung der Standards muss sichergestellt sein, damit die deutsche Gesellschaft Tierversuche akzeptiert.

ZEIT: Manchmal hat man den Eindruck, dass viele Forscher gegenüber ihren Kritikern die Haltung haben: Ihr versteht unsere Experimente nicht. Ihr müsst uns schon vertrauen, wir tun das Richtige! Dieses gesellschaftliche Vertrauen gibt es aber nur gegen klare Regeln und die Bereitschaft, sich der Diskussion zu stellen. Lösen Ihre Forscher das ein?

Stratmann: Das jüngst von der Max-Planck-Gesellschaft verabschiedete Grundsatzpapier zu Tierversuchen in der Grundlagenforschung verpflichtet sie dazu, aus einem guten Grund. Das Budget der Max-Planck-Gesellschaft liegt bei fast zwei Milliarden Euro, die zum größten Teil vom Steuerzahler kommen. Dieses Geld erlaubt uns Forschern einen extrem hohen Grad an Freiheit, wie es ihn nur selten auf der Welt gibt. Diese Freiheit, Dinge zu tun, die wir für richtig halten, ist ein Schatz, und den gilt es zu verteidigen. Dieses ungeheuer wertvolle Gut ist aber nur zu rechtfertigen, wenn wir verantwortlich mit dem Geld umgehen, wenn wir transparent sind und klarmachen, dass unser Tun der Gesellschaft nicht schadet. Und dass wir in der Lage sind, Probleme zu bereinigen und sie nicht beiseitezuwischen.

ZEIT: Wie wollen Sie mit dieser schwierigen Lage – hohe Anforderungen in Deutschland, massiver Konkurrenzdruck aus dem Ausland – umgehen?

Stratmann: Darum brauchen wir ein Gesamtkonzept für die Primatenforschung in Deutschland. Daran arbeiten wir gerade. Mir ist dabei wichtig, dass wir auch die schwierigen ethischen Aspekte berücksichtigen. Sonst werden wir keine politische und gesellschaftliche Unterstützung bekommen. Ich sehe es als eine unserer wesentlichen Aufgaben an, das Leid der Tiere klar zu begrenzen.

ZEIT: Droht ein internationaler Wettbewerb, bei dem sich Nationen mit immer niedrigeren Tierschutzstandards unterbieten, um exzellente Forscher anzulocken?

Stratmann: Ja, diese Gefahr besteht. Wobei es zu einfach wäre, zu behaupten, dass die Standards in China grundsätzlich niedriger seien als bei uns – sonst ließen sich die Studien in den internationalen Journalen nicht veröffentlichen. Ich glaube, dass wir hierzulande mit unseren hohen Standards Maßstäbe setzen. Und weil nur diese strengen Maßstäbe den hohen Grad an Forschungsfreiheit möglich machen, sind wir für den Wettbewerb gut aufgestellt. Diesen ethischen Vorsprung müssen wir verteidigen.