DIE ZEIT: Herr Blair, wir wollen mit Ihnen über die Zukunft reden. Wie wird Großbritannien in 20 Jahren aussehen?

Tony Blair: Das hängt davon ab, wie es nach dem Brexit weitergeht. Ich hoffe immer noch, dass Großbritannien in Europa bleibt. Das wäre ein Szenario. Die EU zu verlassen, ein anderes. Der Brexit hängt im Moment über allem. Davon abgesehen wird die westliche Welt von einer technologischen Revolution überrollt, die alles verändern wird. Künstliche Intelligenz, Big Data. Wie Großbritannien, auch Deutschland, aussehen wird, hängt davon ab, wie wir mit dieser Revolution umgehen.

ZEIT: Beim Brexit ging es allerdings eher um gesellschaftliche und kulturelle Verwerfungen.

Blair: Genau deswegen ist er so beunruhigend. Wir müssen uns damit beschäftigen, wie wir mit den kulturellen Belastungen der Globalisierung und der Massenmigration umgehen, insbesondere dort, wo sie sich mit radikalem Islamismus überlagert. Es braucht viel deutlichere Antworten auf diese kulturellen Fragen. Und die europäischen Nationen sollten sie gemeinsam geben. Europa braucht Einwanderungsregeln, die ordnungsgemäß durchgesetzt werden. Wenn Sie das nicht tun, schüren Sie Vorurteile. Die Bevölkerung ist nicht gegen Immigration, aber sie fürchtet, dass die Politik da die Kontrolle verloren hat.

ZEIT: Sie haben das Tony Blair Institute gegründet, das sich mit diesen Themen beschäftigt. Wollen Sie mit einem Thinktank Weltpolitik machen?

Blair: Ich sehe mich in der Rolle desjenigen, der Argumente liefert und Kampagnen strategisch unterstützt. Von außen scheint der Brexit unvermeidlich, weil eine Mehrheit des Volkes und die Regierung dafür sind. Die Wahrheit ist, dass den Verhandlungen ein ungelöstes Dilemma innewohnt: Soll Großbritannien nahe an Europa bleiben? In diesem Fall müssen wir uns an die Regeln der EU halten – warum aber sollten wir sie dann verlassen? Oder brechen wir ganz klar mit Europa? In diesem Fall wird der wirtschaftliche Schaden groß sein. Die Regierung hat dieses Dilemma noch nicht gelöst. Ich glaube, dass diese Frage nur von der britischen Bevölkerung in einem neuen Referendum beantwortet werden kann.

ZEIT: Oder Großbritannien wurschtelt sich zukünftig so durch ...

Blair: Nein, denn irgendwann ist Zahltag. Dann muss die Regierung klarmachen, wo sie steht. Sagen, dass die Globalisierung positiv für uns ist, dass sie uns enorme Vorteile bringt. Politische Entscheidungsträger sollten Chancen nutzen. Katastrophal wäre es – das gilt für den gesamten Westen –, sich von einer weltoffenen Position abzuwenden und sich in Isolation, Nationalismus und Protektionismus zu flüchten.

ZEIT: Sie waren von 1997 bis 2007 Premierminister. Der Brexit gilt auch als Absage an das liberale, multikulturelle, globalisierte Großbritannien Ihrer Regierungszeit. Würden Sie, rückblickend, etwas anders machen?

Blair: Wenn ich die Finanz- und Wirtschaftskrise vorhergesehen hätte, hätte ich mich noch stärker auf die Einwanderungswelle eingestellt, die danach folgte. Es kamen sehr viel mehr Menschen als erwartet nach Großbritannien, aus allen Teilen Europas. Ich hätte das – innerhalb des Grundsatzes der Freizügigkeit – stärker reguliert. Andererseits ist es aber so: Großbritanniens Wirtschaft braucht diese Menschen. Meine Grundideen, das Herzstück von New Labour, würde ich immer noch genau so verfolgen: soziale Gerechtigkeit und der Wille, sich der modernen Welt zuzuwenden, statt in verblassende Lösungen der Vergangenheit zu flüchten. Die Tragödie des heutigen Großbritanniens ist, dass eine engstirnige, nationalistische Partei aus Konservativen gegen eine Arbeiterpartei im Stil der 1960er Jahre kämpft und dem Land zwei Visionen der Vergangenheit bietet.

ZEIT: Die junge Generation scheint diese alte Arbeiterpartei zu lieben. Bei Briten unter 24 Jahren holte die Labour-Partei bei der letzten Wahl über 60 Prozent der Stimmen.

Blair: Ehrlich gesagt – doch nur, weil die jungen Menschen sich an die sechziger Jahre nicht erinnern können. Sie denken, die Partei präsentiert ihnen einen Weg in die Zukunft, aber das sind alles alte Ideen. Immerhin: Die jungen Leute sind in überwältigender Mehrheit gegen den Brexit.

ZEIT: Verstehen Sie sich eigentlich noch als linker Politiker?

Blair: Ja. Als Teil der fortschrittlichen Kräfte in der Weltpolitik.

ZEIT: Und was bedeutet das?

Blair: Für die Prinzipien einzustehen, für die die globale Linke immer schon stand: das Mögliche versuchen, für soziale Gerechtigkeit und Solidarität kämpfen. Die Welt verändert sich schnell. Das Problem, das ich mit meiner Partei gegenwärtig habe, ist, dass sie nicht besonders progressiv ist. Ihre Lösungen sind altmodisch.

ZEIT: Vielleicht wollen die Jungen aber ganz altmodisch mehr Gerechtigkeit, etwa eine gebührenfreie Hochschulbildung, wie sie die Labour-Partei versprochen hat.

Blair: Gutes Beispiel. Die Studiengebühren habe ich 1997 eingeführt. Dadurch haben wir jedes Jahr zehn Millionen Pfund gespart, die wir für frühkindliche Bildung und sozial Benachteiligte ausgeben konnten. Ich halte das für eine fortschrittlichere Lösung, als zu rufen: Schafft die Gebühren ab!

ZEIT: Diese Gebühren haben Sie ein paar Jahre später erhöht, gegen den Widerstand Ihrer Partei. Sie waren sogar bereit, dafür Ihr Amt zu riskieren.

Blair: Es war nun mal eine wirklich wichtige Reform, ohne die sich die britischen Universitäten nicht so gut entwickelt hätten. Die Hochschulen machen einen bedeutenden Teil der britischen Wirtschaftsleistung aus. Und die Gebühren sind der Grund, warum einige unserer Hochschulen heute weltweit unter den besten zwanzig Universitäten sind. Wie übrigens kaum andere europäische Unis.