Unter den alten Schriften, die es nicht in den biblischen Kanon geschafft haben, findet sich die sogenannte Paulus-Apokalypse. Darin wird berichtet, wie Paulus von einem Engel an den Rand der Unterwelt geführt wird. Er muss in diesen Abgrund der Verdammten schauen, hört es seufzen, schreien und jammern: "Doch niemand erbarmte sich ihrer." Und Paulus weint. Der Engel an seiner Seite aber fragt ihn: "Warum weinst du? Bist du barmherziger als Gott?" Eine Antwort Paulus’ darauf kennt dieser Bericht nicht, nur eine Frage: "Weshalb sind sie geboren worden?" Und weiter, jetzt sich selbst einbeziehend, klagt Paulus, als zitierte er einen Tragödientext: "Besser wäre es für uns, wenn wir nicht geboren wären, wir alle, die wir Sünder sind."

Hans Blumenberg kommentiert die Szene in seinem theologisch klugen Buch Matthäuspassion mit dem Satz: "Es ist schon viel, dass dieser Paulus weint." Wann sei denn jemals in der Geschichte dieser großen Liebesreligion von Heilsgewissen geweint worden? "Aber musste Paulus nicht dem Engel widersprechen, mit Trotz und Empörung?" Musste er nicht aufbegehren wider diesen Gott? Denn Paulus weint hier aus Trostlosigkeit. Er weint, weil er sich von Gott verlassen fühlt. Er weint aus Empörung über diesen Gott und aus Empörung über sich, der an ihn glaubt.

Mit dem Paulus des neutestamentlichen Römerbriefes hat dieser Paulus der Apokalypse augenscheinlich wenig zu tun. Aber hätte er den Apostel im Römerbrief nicht dennoch gut verstanden? "Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen", schreibt dieser dort. Die Gläubigen wissen das, aber sie wissen auch: "Wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung." Insofern gehören der Paulus der Apokalypse und der Paulus der Heilsgewissheit zusammen: Es gibt zwar Trost, aber ich bin nicht getröstet.

Billiger, nämlich ohne diesen Widerspruch, diesen Riss, ohne diese Gespaltenheit gibt es den Glauben nicht. "Es ist eine Erfahrung vieler gläubiger Menschen, dass Gott ihnen gerade dort am stärksten gegenwärtig sein kann, wo er schmerzlich vermisst wird", schreibt der Schriftsteller Christian Lehnert in seinen "Fliegenden Blättern von Kult und Gebet", dem Band "Der Gott in einer Nuss". Es ist die Erfahrung, dass sich Trost durch den Glauben nicht herbeibitten, nicht schnurgerade erwirken lässt – er kommt auf einen zu, ist Geschenk und Zumutung gleichermaßen.

Die Geschichte und die Geschichten der Gläubigen sind deshalb voller Dankbarkeit und Verzweiflung zugleich. "Die Heilige Schrift hat für Stellen gesorgt, die in allen Lagen trösten und in jeder Lage die Furcht lehren können", so der französische Philosoph Blaise Pascal. Und beides liegt stets dicht beieinander, gehört untrennbar zusammen. "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?", ruft Jesus am Kreuz im Matthäusevangelium. "Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!", ruft er bei Lukas. Hier die größtmögliche Verlassenheit, dort die tiefste Geborgenheit: Das eine ohne das andere gibt es nicht. Glaube ist darum, so Karl Barth in seinem berühmten Buch zum Römerbrief, von seinem Beginn her ein Wunder und danach "das Wagnis aller Wagnisse", dabei "nie fertig, nie gegeben, nie gesichert", er ist "immer und immer aufs Neue der Sprung ins Ungewisse, ins Dunkle, in die leere Luft".

Deshalb ist der Glaube kein Trost, sondern das Versprechen eines Getröstetseins, das sich momentweise erleben lässt, in der Musik, im Gebet, in der Gemeinschaft mit jenen, die solche Momente kennen. Tröstlich ist, dass es andere neben mir gibt und vor mir gegeben hat, die Trost erfahren haben; allein darin liegt die Kraft der Tradition: Ich bin nicht allein. Aber diese Kraft hilft nicht beim Blick in den Abgrund, bei Schmerz und Leid, nicht gegen die Einsamkeit des Zweifels, nicht gegen die Leere. Der Gläubige teilt ja nicht nur alle Ängste und Schrecken der übrigen Menschen, wie Robert Spaemann in seinen "Meditationen eines Christen" schreibt, er hat darüber hinaus noch besondere Ängste und Schrecken, gerade weil er gläubig ist und seinen Glauben von allen Seiten angefochten sieht. Gerade weil er "eine Warum-Frage stellt, wo der Ungläubige einfach verstummt". Gerade weil er Erfahrungen des Trostes und der Verzweiflung durch den Glauben macht.

Wer Trost sucht, muss deshalb erzählen: Die Not braucht Worte, um sich für den Trost öffnen zu können. Von solcher Suche nach Ausdruck leben die Psalmen, in denen der Trost entsprechend immer die andere Seite der Beichte ist. "Herr, höre mein Gebet! Mein Schreien dringe zu dir", heißt es im Psalm 102 – und der Psalmist erzählt sich, seinen Lesern und seinem Gott, was ihn schreien lässt. Man kann daher über Trost nicht sprechen, ohne von sich selbst zu reden, ohne zu beichten. Beichten heißt dabei eingestehen, dass man des Trostes bedürftig ist – und hoffen, dass im Beichten selbst schon Trost verborgen liegt.