Die Marke Vittel kennt man – für ihr Wasser in Plastikflaschen. Doch Vittel ist auch ein Ort in den Vogesen, und in dem wird Wasser knapp. Was wiederum mit den Flaschen zu tun hat. Denn die befüllt der Nahrungsmittelkonzern Nestlé aus dortigen Quellen, pumpt jedes Jahr Hunderttausende Kubikmeter Wasser aus tiefem Gestein, um es in vielen Ländern zu verkaufen. In Deutschland wird es als gesundes "Lifestyle-Produkt" beworben. Gern betont Nestlé auch, dass bei der Produktion "der nachhaltig umweltbewusste Umgang mit natürlichen Ressourcen großgeschrieben" werde.

Nur stimmt Letzteres offensichtlich nicht. Denn der Konzern pumpt so viel Wasser aus dem Boden, dass eine wichtige Quelle zu versiegen droht. Im französischen Vittel protestieren Anwohner. In Deutschland aber dämmert es den Konsumenten erst langsam, dass Wasser aus Plastikflaschen ein "Lifestyle" ist, der zerstört. Und zwar gleich zweifach: Der Verkauf des Flaschenwassers ist sozial ungerecht und ökologisch desaströs.

Zur Gerechtigkeit: Dass ein privater Konzern die Rechte an einer natürlichen Quelle besitzen und deren Wasser weltweit vertreiben kann, während die Menschen in der Gegend das Nachsehen haben, führt schon jetzt zu Konflikten. Nicht nur in Frankreich, sondern auch in Kanada und Kalifornien haben Einwohner mit Nestlé gestritten, und oft war die Macht des Konzerns größer als die der Einwohner. Doch anstatt dass die Rechte der Menschen gestärkt würden, drohen sie nun auch in Europa ausgehöhlt zu werden. Anfang der Woche hat der Bundesverband Energie und Wasserwirtschaft davor gewarnt, dass beispielsweise der geplante europäisch-japanische Handelsvertrag Jafta eine Entwicklung von Wasser "hin zur reinen Handelsware anstoßen könnte". Die Nachricht des seriösen Instituts sollte aufhorchen lassen.

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Leitungswasser ist gesund, trinkt mehr!

Leitungswasser ist gesund, trinkt mehr!

Braune Brühe aus dem Hahn? Blei im Wasser? Medikamentenrückstände? Keine Sorge: Kranwasser ist bedenkenlos trinkbar – meistens.

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Schadstoffe unterm Limit

Schadstoffe unterm Limit

Deutsches Trinkwasser ist das mit am besten kontrollierte Lebensmittel. Die Trinkwasserverordnung von 2001 regelt die Schutzvorschriften.

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Remy Gabalda/AFP/Getty Images
Aber da war doch was mit Düngemitteln?

Aber da war doch was mit Düngemitteln?

Stimmt, manche sind im Grundwasser nachweisbar: Nitrat aus Gülle etwa, das im Körper zu schädlichem Nitrit werden kann, oder Pestizide.

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Düngemittel

Die Nitratwerte sind höher als erlaubt

Das hat eine Untersuchung des Umweltbundesamtes ergeben. Demnach ist in 27 Prozent der untersuchten Grundwasservorkommen der Grenzwert von 50 Milligramm Nitrat pro Liter überschritten.

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In Altbauten können noch Leitungen aus Blei verbaut sein. Das Schwermetall ist auf Dauer gesundheitsschädlich, besonders für Schwangere und kleine Kinder. Leitungen aus ungeschütztem Stahl sind weniger gefährlich, rosten aber schnell, vor allem im warmen Wasser. Das Ergebnis: Statt klarem Wasser kommt braune Brühe aus dem Hahn.

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Damit sich ein Wasser Mineralwasser nennen darf, muss es direkt abgefüllt werden an einer Quelle, die aus unterirdischen Wasservorkommen gespeist wird. Entscheidend für das Prädikat "natürliches Mineralwasser" ist, dass seine Inhaltsstoffe kaum verändert sein dürfen. Es kann aber sogar mineralarm sein.

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Das Problem ist aber noch umfassender: Es ist unser absurd verschwenderischer Umgang mit einem scheinbar unerschöpflichen Naturprodukt. Dabei geht es nicht in erster Linie um die Menge des Wassers, das getrunken wird. Sondern vor allem um die Plastikflaschen, in denen es transportiert und verkauft wird. Weltweit werden davon jedes Jahr viele Millionen produziert, befüllt und Tausende von Kilometern durch die Gegend gefahren. Am Ende landen sie auf dem Müll und werden kaum recycelt. Dazu kommt ein zweites Umweltproblem: die Luftverschmutzung. Wenn die Flaschen transportiert werden, wird CO₂ aus den Auspuffen der Lkw geblasen, was den Klimawandel beschleunigt. Dabei geht es nicht um Kinkerlitzchen. Die Wasserwerke Karlsruhe haben ausgerechnet, dass ein Liter Wasser aus einer Flasche für 1.400-mal mehr CO₂-Ausstoß verantwortlich ist, als die gleiche Menge aus dem Hahn.

Dort, wo Menschen kein sauberes Trinkwasser haben, mag es zu den Flaschen aktuell wenig Alternativen geben. Doch immer häufiger kauft man auch hierzulande – wo man ganz einfach den Hahn aufdrehen und trinken kann – Flaschen. Manche tun es aus Bequemlichkeit, andere, weil sie glauben, sie täten sich etwas besonders Gutes. Was längst nicht immer stimmt: Wiederholt hat die Stiftung Warentest Schadstoffe dokumentiert, andere Forscher haben sogar Mikroplastik gefunden.

Wer hierzulande also glaubt, es sei okay für Mensch und Umwelt, wenn er Wasser aus Plastikflaschen kauft, liegt falsch. Er gibt oft nicht nur unsinnig Geld aus. Es verschlimmert auch ein riesiges Problem.

Zum Glück haben die ersten Gemeinden das Thema entdeckt. In Kanada gründeten Bürger die Blue Communities, einen lockeren Verband, der sich für eine gute öffentliche Wasserversorgung starkmacht. Paris und Berlin haben sich angeschlossen. Praktisch erfolgreich sind aber auch andere: Wer in Hamburg um die Außenalster joggt oder in Karlsruhe durch die Innenstadt schlendert, der kann an öffentlichen Brunnen trinken. Die sehen nicht mehr aus wie im Mittelalter, sondern eher wie moderne Kühlgeräte. Aber sie tun genau das, was über Jahrhunderte in Europa üblich war: Sie stillen den Durst von Menschen, ohne dass die dafür noch mal extra bezahlen müssen. Und ohne dass der Müllberg wächst. Prost.