Große Reiche geben ganzen Epochen ihren Namen. Das gilt nicht nur für Rom, Spanien und Großbritannien, sondern auch für die Vereinigten Staaten von Amerika. Mit dem Eintritt in den Ersten Weltkrieg im Jahre 1917, der das Ringen der europäischen Mächte zugunsten der westlichen Mächte entschied, begann das amerikanische Zeitalter. Sein Anfang war indes eher stockend und zögerlich, weil der US-Kongress die den USA zugefallene Rolle eines "Hüters der Ordnung" nicht ohne Weiteres übernehmen wollte. Man ahnte in Washington, dass mit dieser Rolle wohl einiger Nutzen, zugleich aber erhebliche Kosten verbunden sein würden. Nach dem Zweiten Weltkrieg war den amerikanischen Politikern hingegen klar, dass sie die Rolle eines Ordnungshüters nicht länger ausschlagen konnten: Sie blieben in Europa und wurden zur Vormacht nicht nur im atlantischen, sondern auch im pazifischen Raum. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und ihres Imperiums stiegen die USA dann zum globalen Ordnungshüter auf. Das war der Höhepunkt des amerikanischen Zeitalters. So langsam und zögerlich, wie sich die USA zur Vormacht eines imperialen Raumes entwickelt haben, so abrupt und demonstrativ zerstören sie zurzeit diese Ordnung und beenden damit die durch sie geprägte Epoche.

Der relative Niedergang der amerikanischen Vormachtrolle hat sich freilich seit Längerem abgezeichnet, aber es wäre wohl, wenn die Entwicklung so weitergegangen wäre wie unter Trumps Amtsvorgänger Obama, ein langsamer und vorsichtiger Ausstieg aus der Rolle des Hüters der globalen Ordnung geworden, ganz ähnlich der Art, wie die USA vor einem Jahrhundert in die Position der imperialen Vormacht hineingewachsen waren: Wenn eine gleichzeitige und gleich starke Machtprojektion in den atlantischen und den pazifischen Raum die USA überforderte, so Obamas Kalkül, dann müssten die Europäer die Verantwortung für ihren Raum und dessen Peripherie übernehmen, und die USA würden sich bei Aufrechterhaltung einer zurückgenommenen Rolle des Hüters der globalen Ordnung im Wesentlichen auf den pazifischen Raum konzentrieren. Das sollte jedoch nicht abrupt, sondern nach Art einer gut vorbereiteten Aufgabenteilung vonstattengehen. Im Hinblick auf einen durch einen imperialen Hüter gewährleisteten Frieden gibt es nichts Gefährlicheres als den Niedergang dieses Hüters. Solche Niedergänge sind durch andauernde Kriege um eine neue Ordnung und die Verteilung der in ihr zu vergebenden Positionen gekennzeichnet. Der Niedergang Roms und die Kriege der Völkerwanderungszeit, der Niedergang Spaniens und der Dreißigjährige Krieg, schließlich der Niedergang Großbritanniens und der Erste Weltkrieg sind Beispiele dafür. Solche Niedergänge mögen unvermeidlich sein; wie sie verlaufen und welche Verwerfungen sie hinterlassen, kann indes von der Politik beeinflusst werden. Zumindest in dieser Hinsicht läuft die Politik Trumps auf ein Desaster zu.

Entgegen einer verbreiteten Annahme der gängigen Imperialismustheorien kann man keineswegs sagen, dass die Zentralmacht eines imperialen Raums unmittelbar und jederzeit von ihrer Position profitiert. Die Sowjetunion hat ihr Imperium lange Zeit dadurch zusammengehalten, dass sie ihre Satelliten mit Rohstoffen zu Preisen unterhalb des Weltmarktniveaus versorgte, und auch die USA haben im westlichen Bündnis stets die Hauptlast der Ausgaben getragen. Man kann imperiale Räume auch nach den Vorgaben einer Theorie öffentlicher Güter beschreiben, also von Gütern und Leistungen, von deren Inanspruchnahme keiner ausgeschlossen werden kann, auch wenn er dazu nichts beigetragen hat. Sicherheit, Klimaschutz, eine international akzeptierte Währung, regelgebundene Handelsbedingungen und vieles mehr gehören dazu. In sie investiert vor allem die Zentralmacht. Sie legt die Rahmenbedingungen fest und achtet darauf, dass sie nicht zum eigenen Nachteil sind, aber ansonsten investiert sie in den Gesamtraum, und alle in ihm Befindlichen haben davon ihren Nutzen. Zugegeben: Nicht alle Imperien folgten dem Modell eines "investment in common goods", vor allem nicht jene Steppenimperien, deren Entstehung allein auf militärischer Macht beruhte. Sie stiegen mit ihren Siegen auf und gingen bald danach wieder unter. Längeren Bestand hatten nur jene Großreiche, von deren Bestand alle ihnen Zugehörigen profitierten. Akzeptanz durch die offiziellen wie faktischen Verbündeten einer Zentralmacht senkt die Herrschaftskosten.

Dennoch profitieren auch die Zentralmächte eines imperialen Raumes davon, dass sie Hüter der Ordnung sind. Aber sie tun das nicht in demselben Maß wie einige "Trittbrettfahrer" dieses Raums. Und vor allem profitieren sie langfristig und als Gesamtheit, das heißt nicht jede gesellschaftliche Gruppe gleichermaßen und jederzeit. Der Unwillen darüber hat Trump an die Macht gebracht. Der Wille zur Kurzfristigkeit politischer und wirtschaftlicher Profite ist jedoch mit den Imperativen eines Zeitalter prägenden Imperiums unvereinbar. Indem Trump die gegebenen Versprechen Schritt für Schritt in eine politische Agenda umsetzt, verwandelt er das US-Empire aus einem am "investment in common goods" orientierten Akteur in eine raubtierartig auftretende Zentralmacht, die keine Hüterqualität hat, weil sie nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht ist. Trumps Parole "America first" ist die Formel, unter der sich dieser Wandel vollzieht. Mittelfristig läuft das auf das Ende dessen hinaus, was bislang als "der Westen" bezeichnet worden ist.

Nun könnte man einwenden, ein einzelner Präsident könne doch nicht ein Projekt ruinieren, das sich über ein ganzes Jahrhundert entwickelt und in den letzten Jahrzehnten auch eine Reihe von Krisen überstanden habe. Offenbar doch, und das hat mit der Flüchtigkeit dessen zu tun, was im Anschluss an den Politikwissenschaftler Joseph Nye als Soft Power bezeichnet wird. Soft Power ist eine ausgesprochen kostengünstige Ressource bei der Beherrschung eines Großraumes, aber das für die Zentralmacht günstige Kosten-Nutzen-Verhältnis hat den Preis schneller Verflüchtigung. Es beruht nämlich auf dem Vertrauen der Verbündeten, das über Jahrzehnte gewachsen ist und innerhalb von einigen Wochen, wenn nicht Tagen zerstört werden kann. Soft Power, könnte man sagen, ist der Zinsertrag eines über lange Zeit gepflegten Verhältnisses zwischen der Zentralmacht und den Randmächten eines imperialen Raumes. US-Präsident Trump hat den Grundstock dieser Zinserträge pulverisiert. Das wird keiner seiner Nachfolger rückgängig machen können, und er wird das umso weniger können, je mehr Trumps Agieren für seine Anhängerschaft kurzfristige wirtschaftliche Erfolge zeitigt.

Was wir beobachten, ist eine Paradoxie: Je erfolgreicher Trumps Politik ist, desto nachhaltiger wird sie die Soft Power der USA auflösen, und damit zerfällt die amerikanische Weltordnung. Das ist in diesem Fall eine Ordnung der universalen Normen, die in der Vergangenheit zwar immer wieder de facto außer Kraft gesetzt wurde, als Legitimationsgrundlage der Politik aber nicht infrage gestellt wurde. Die Globalität der politischen Ordnung und die Universalität der Normen gehörten zusammen. Sicherlich waren die USA nur innerhalb des Westens die unbestrittene Vormacht, aber der Westen hatte eine so starke Ausstrahlung, dass sein Einfluss weit darüber hinausreichte. Der Zerfall des Westens, der zurzeit stattfindet, wird auch diese Ausstrahlung beenden, und alternative Modelle politischer Ordnung, seien sie nun chinesischer oder russischer Prägung, werden weiter an Boden gewinnen. Sie haben ohnehin dem westlichen Vorbild zuletzt zugesetzt, weil dieses einige der mit ihm verbundenen Erwartungen nicht hatte erfüllen können; dieser Prozess des Ansehensverlusts wird sich nun beschleunigen und zur Auflösung der Normvorgaben führen, die mit dem westlichen Modell verbunden waren.

Es gibt im Übrigen keine Macht, die an die Stelle der USA als Hüter einer globalen Ordnung treten kann; weder die Europäer noch China sind dazu in der Lage. Tatsächlich betreibt China nämlich eine wesentlich an seinen Interessen orientierte Politik, die, wie im Fall des Seidenstraßenprojekts, zwar weit über den eigenen Raum und dessen unmittelbare Peripherie hinausgreift, strukturell aber an den spezifischen chinesischen Interessen orientiert bleibt. Die chinesische Politik schafft Einflusszonen, aber keine globale Ordnung mitsamt einem sie überspannenden Normhorizont. Das gilt erst recht für Russland, das sich zurzeit um die Sicherung und Ausweitung seiner Einflusszonen am Schwarzen Meer und südlich des Kaukasus bemüht und dabei recht erfolgreich ist, das aber von der Wiederaufnahme einer Rolle, wie sie die ehemalige Sowjetunion spielte, weit entfernt ist. Die zukünftigen Strukturen werden insofern mit einer Wiederkehr des Kalten Krieges, von der einige sprechen, wenig zu tun haben – schon deswegen, weil es infolge von Trumps Agieren den alten Westen nicht mehr gibt.

Und die Europäer? Sie werden die Rolle der USA mit Sicherheit nicht übernehmen können, auch wenn die Wirtschaftskraft der EU die der USA übertrifft und die Zahl der EU-Bürger höher ist. Die Probleme der Europäischen Union sind ihr Defizit an politischer Geschlossenheit und die strukturelle Anfälligkeit für Spaltungsversuche aller Art, mögen sie nun von Putin oder, wie zuletzt, von Trump kommen. Die Europäer werden angesichts der ungelösten Herausforderungen, mit denen sie seit einem Jahrzehnt konfrontiert sind, genug damit zu tun haben, das zuletzt erreichte Niveau politischer und wirtschaftlicher Integration aufrechtzuerhalten und darauf zu achten, dass der im Gefolge mehrerer Erweiterungsrunden hergestellte Raum nicht von den Rändern her zerbröselt. Wenn es gut läuft, könnte ihnen Trumps Politik der Demontage des Westens dabei hilfreich sein, indem sie eine Geschlossenheit erzwingt, die sonst kaum möglich wäre. Das würde dann zu den paradoxen Effekten der jüngsten Entwicklungen gehören, aber im Augenblick kann niemand sagen, ob diese Hoffnung auf die zusammenschweißenden Effekte der Politik Trumps nicht ein weiteres Trugbild ist. Wollen die EU-Mitglieder nämlich das jetzt Erreichte bewahren, müssen sie zu grundlegenden und weitreichenden Reformen der Union bereit sein, und ob dies in Anbetracht des Aufstiegs populistischer Kräfte in Europa gelingt, ist durchaus die Frage. Populisten denken politische Ordnung kleinräumig und sind (wie auch Donald Trump und seine Anhänger) auf kurzfristige Effekte bedacht – und dies ist bei einer Reform nicht hilfreich. Kleine wirtschaftliche Erfolge von Trumps Politik in den USA könnten dazu führen, dass populistische Politik auch in Europa weiter an Boden gewinnt, und das wäre das Ende der EU in ihrer gegenwärtigen Gestalt.