DIE ZEIT: Herr Beck, Sie haben in Berlin gerade auf einer Demo am Al-Kuds-Tag gesprochen.

Volker Beck: Auf der Gegendemo! Schon zum vierten Mal. Der Al-Kuds-Tag war ursprünglich eine Initiative Khomeinis zur Vernichtung Israels. Einer solchen antijüdischen Veranstaltung muss man als Demokrat entgegentreten.

ZEIT: Wie war es diesmal? Was hat Sie geärgert?

Beck: Die können mich nicht ärgern. Die wünschen sich eine Welt ohne Israel. Besonders absurd sind deren Verschwörungstheorien, denen zufolge die Zionisten alle drei heiligen Stätten des Islams in ihrer Hand halten: in Jerusalem, Mekka, Medina. Zum Al-Kuds-Tag kamen auch Vertreter aus Islamverbänden, mit denen das Land Berlin und die Stadt Hamburg Verträge haben.

ZEIT: Sie waren religionspolitischer Sprecher der Grünen. Jetzt unterrichten Sie Religionspolitik in Bochum. Was ist eigentlich Religionspolitik?

Beck: Religionspolitik organisiert das Verhältnis zwischen Staat, Gesellschaft, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften. Sie bekommt dann besondere Bedeutung, wenn sich im Gemeinwesen die religiösen Proportionen und Machtverhältnisse verschieben und daher die Legitimität der Ordnung hinterfragt wird. Es gab drei Hochphasen von Religionspolitik. Das war einmal die Spätantike bis zum vierten Jahrhundert: Die Spannungen zwischen römischem Staatskult und Religionen vom Rande des Reichs, insbesondere Juden und Christen, führten zu verschiedenen Regulierungen des Religiösen, bis das Christentum schließlich zugelassen und wenig später Staatsreligion wurde. Mit der Reformation, die die Monokonfessionalität des Christentums beendete, stellten sich neue religionspolitische Fragen, die erst mit dem modernen Verfassungsstaat eine befriedigende Antwort fanden.

ZEIT: Und was verschiebt sich aktuell?

Beck: Heute machen die gegenläufigen Prozesse von Säkularisierung und Pluralisierung das Thema wieder brisant. Zum Erstaunen vieler!

ZEIT: Welche Länder machen heute Religionspolitik?

Beck: Alle. Man kann eine Religionspolitik der Ignoranz betreiben, aber man kann nicht Nicht-Religionspolitik machen. Länder wie Frankreich, die meinten, sie hätten alle Fragen mit ihrer strikten Trennung von Kirche und Staat beantwortet, müssen neue Formate zur Lösung religiöser Konflikte suchen. So gründete Sarkozy als Innenminister im laizistischen Frankreich eine Vertretung der Muslime unter Ägide der Regierung. Kein Witz. Das war fast schon ein staatsreligiöser Akt.

ZEIT: Bedeutet die Pluralisierung des Westens das Ende der Säkularisierung?

Beck: In den letzten Jahrzehnten dachte man in Westeuropa, dass mit der Moderne die Religion kontinuierlich an Bedeutung verliert. Damit hatten sich Gläubige und Kirchen, Staat und Gesellschaft abgefunden. Durch die Migration wird diese klare Tendenz uneindeutig. Einerseits: Religionen, die bei uns neu sind, verlangen nach Anerkennung. Andererseits: Säkulare wollen wahrgenommen werden und ihre Weltdeutung respektiert sehen. Das betrifft Feiertage, Arbeitsrecht, Rundfunkräte und vieles mehr. Veränderte religiöse Proportionen verlangen Nachjustierungen beim Recht und im gesellschaftlichen Miteinander.

ZEIT: Im Artikel 4 des Grundgesetzes steht: "Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich. Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet." Was gibt es da für Religionspolitik noch zu tun? Und was ist bei uns mit dem Islam?

Beck: Der Islamdiskurs dominiert die Religionspolitik zu sehr. Es geht auch um die Rechte der Aleviten und Juden, der Bahai und Sikh, der Hindus und Buddhisten – und der Atheisten. Aber wenn muslimische Gemeinschaften die Möglichkeiten des kooperativen deutschen Religionsrechts voll nutzen wollen, dann müssen sie sich religiös statt politisch organisieren. Wir haben in Deutschland Organisationsformen von Religion, die sich nicht der Religion, sondern der politischen Auseinandersetzung in den Herkunftsländern verdanken. Millî Görüş zum Beispiel ist offspring einer in der Türkei verbotenen Partei. Im Zentralrat der Muslime haben wir Muslimbrüder und eine Abspaltung der Grauen-Wölfe-Bewegung. Die größte Islamorganisation, Ditib, ist eine Tochterorganisation der Religionsbehörde Diyanet in Ankara. Und die IGS, der schiitische Verband, steht maßgeblich unter staatlich-iranischem Einfluss. Das sind alles politische Formationen.

ZEIT: Wie konnte der deutsche Staat das geschehen lassen?

Beck: Es ist ein Ergebnis der deutschen Einwanderungsgeschichte und der "Gastarbeiter"-Seelsorge. Die große Sünde von Innenpolitikern wie Otto Schily oder Günther Beckstein, also von SPD ebenso wie von der Union, war, dass sie es lange Zeit sehr praktisch fanden, eine Telefonnummer in Ankara zu haben. Die konnte man bei Problemen anrufen, und wenn man sich mit Ankara einig war, konnte man sicher sein, dass das an alle Moscheen durchgestellt wurde. Das war eine autoritär fixierte Innenpolitik. Ging auch lange relativ gut, solange in Ankara keine islamistischen Nationalisten an der Macht waren.