Am Sonntag absolviert die Nationalelf ihr erstes Spiel bei dieser WM. Sollten sie in der Startelf stehen, so müssen sich Mesut Özil und Ilkay Gündoğan darauf gefasst machen, dass man ihnen, wenn die deutsche Hymne gesungen wird, genau auf den Mund schaut. Bei vielen Gelegenheiten halten sich Fußballspieler mittlerweile die Hand vor den Mund, ehe sie etwas sagen. Sie fürchten, von Lippenlesern beschattet zu werden. Aber beim Singen der Hymne hat das bisher noch kein großer Sportler getan. Gündoğan und Özil könnten versucht sein, es dieses Mal auszuprobieren.

Dass sich die beiden mit dem autoritären Herrscher Erdoğan gezeigt haben, war eine Torheit. Sich nun in kollektiver Empörung auf sie zu stürzen, als wäre die Integrität der Mannschaft und des Spiels wiederhergestellt, wenn man die beiden vom Feld pfeift, ist aber, gelinde gesagt, verlogen.

Die WM 2018, was für ein Turnier: vergeben an einen Unrechtsstaat unter undurchsichtigen Umständen von einer korrupten, monopolistischen Fußballvereinigung namens Fifa, ausgerichtet unter neoliberalen Knebelbedingungen, dominiert von Spielern, die in der mit Geld gefluteten englischen Premier League spielen.

Wo wohnen die Deutschen während der WM? Oliver Bierhoff hat sich für ein Quartier in der Nähe von Moskau entschieden, weil er, so sagt er, das Turnier "von hinten gelesen" habe. Soll heißen: weil man sich als natürlicher Kandidat für die finalen Partien empfindet. Die finden in Moskau statt.

Man kann das Turnier auch auf andere Weise von hinten lesen: mit Blick auf das, was hinter den Kulissen stattfindet. Özil und Gündoğan sind vor dieser gewaltigen Kulisse nur Nebenfiguren.

Auf Russland folgt in vier Jahren Katar, das größte aller Sportfeste ist auf absehbare Zeit also in Händen von Ländern, die ihre sehr eigene Auslegung der Menschenrechte praktizieren. Es ist bisher kein Fußballspieler bekannt, der sich weigern würde, an einem dieser beiden Turniere teilzunehmen. Man kann also, wenn nun bald Özil und Gündoğan den Rasen betreten, die Finger aus dem Mund nehmen und das Pfeifen getrost sein lassen. Man sollte seinen Atem für anderes verwenden: um über Politik zu reden zum Beispiel.

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