Als die Deutschen gegen die Russen antreten, rennt auch die Hoffnung über den Kunstrasen. Lässt die Abwehr hinter sich, wird von Rot gegrätscht, und der Schiedsrichter, der vorhin trotz Abseits den Russen das Tor gegeben hat, pfeift ab. Elfmeter. Thomas Oppermann, SPD-Abgeordneter, Vizepräsident des Bundestags und heute Mittelstürmer, stellt sich auf. Hält inne, schaut nach vorn, hinter dem Tor sind auf dem Zaun in rot und gelb Hammer und Sichel aufgemalt, links vor Oppermann ragt das Weiße Haus auf, der Sitz der russischen Regierung. Oppermann nimmt Anlauf, täuscht links an und schießt rechts, seine bewährte Taktik: Zwei Stunden zuvor sprach er mit Abgeordneten über Annäherung, streute aber ein wenig Ostukraine und Menschenrechte ein.

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Fußball ist nie nur Fußball. Schon gar nicht, wenn die parteiübergreifende Mannschaft des Bundestags in Moskau im altehrwürdigen Presnja-Stadion antritt. Fußball soll den ruinierten Ruf aufpolieren, Diplomatie beflügeln, Frieden stiften, Beziehungen richten. Deshalb hat Thomas Oppermann diese Reise nach Moskau so sehr gewollt, nach diesem "holprigen Start der Bundesregierung". Er meint die deutlichen Worte seines Parteikollegen Heiko Maas für Wladimir Putins Politik, die Oppermann nicht gefallen haben, womöglich weil sie Türen schließen. Und wo die Politik Türen schließt, könnte der Fußball sie vielleicht wieder öffnen. "Fußball kann eine Sprache sein", sagt Oppermann, Nummer 9 auf dem Trikot, und das ist die Hoffnung, die diese Deutschen in der Abenddämmerung über den Moskauer Kunstrasen jagen lässt. Reden, spielen, wieder reden, "in einer dritten Halbzeit".

Im Umgang mit Russland flammt ein alter Glaubensstreit wieder auf: Bringt mehr Dialog auch mehr? Oder ist er vom Mittel zum Selbstzweck geworden?

Oppermann versenkt den Elfmeter in der rechten Ecke, und während er verschwitzt und keuchend über den Rasen läuft, trabt etwas abseits ein Hüne entlang, der Oppermann vorhin im Parlament noch gegenüber saß: Michail Degtjarjow, Nummer 88, von der EU wegen seiner Unterstützung der Separatisten in der Ostukraine mit Sanktionen belegt. Etwas weiter weg, auf der Ersatzbank, harrt sein Kollege Andrej Lugowoj aus. Lugowoj, Nummer 18 und Ex-KGBler, wird des Mordes an Alexander Litwinenko beschuldigt, weshalb die Briten seine Auslieferung verlangen. Im Publikum jubelt die Abgeordnete Irina Jarowaja, Initiatorin eines Pakets von repressiven Internetgesetzen. Nicht weit weg sitzt der Fraktionschef der Regierungspartei – auch er ist mit westlichen Sanktionen gestraft. Oppermann sagen die Namen nichts, aber er findet, im Fußball könne man sich den Gegner eben nicht aussuchen. Auch das tritt bei diesem Spiel gegeneinander an: die Hoffnung der Deutschen auf politische Annäherung, die Hoffnung der Russen auf politische Aufwertung.

Fußball ist Überhöhung, ist Nostalgie, ist Sehnsucht, ist Macht. Von Wladimir Putin gibt es Fotos, wie er schwimmt, Judo treibt, reitet, angelt, Eishockey spielt, fliegt, mit einem Gewehr schießt – aber Bilder vom Fußballplatz gibt es keine. Fußball ist nicht Putins Sport, da er aber die wertvollste Währung in der internationalen Welt des Sports ist, kann Putin auf sie nicht verzichten. Nach 18 Jahren an der Macht ist diese WM auch sein Vermächtnis, und deshalb muss sie als Superlativ daherkommen: Keine war teurer, gut zwölf Milliarden Dollar soll sie, laut Kreml, kosten, nachprüfen kann das keiner.

Als Deutschland die Weltmeisterschaft 2006 austrug, führte es ein Stück namens "Sommermärchen" auf. In Argentinien wusch sich 1978 die verbrecherische Junta die Hände rein mithilfe der Fifa, und als die Ukraine gemeinsam mit Polen die Europameisterschaft ausrichtete, stellten viele Deutsche fest, dass erstens ihr Auto nicht geklaut wird und zweitens die Leute ganz nett sind. Auch in Russland dient die WM dazu, das eigene Bild aufzupolieren. Doch den Zuschlag bekamen die Russen noch vor der Annexion der Krim, vor dem Krieg in der Ostukraine, vor dem Verdacht, sie hätten sich in fremde Wahlen eingemischt.