Im März 2018 geht in der Hamburger Bürgerschaftskanzlei ein Schreiben ein, das wie so oft in dieser Zeit vom selben Absender stammt. Die AfD-Fraktion meldet, sie habe Hinweise erhalten, dass eine Hamburger Stadtteilschule ihre Schüler indoktriniere, und zwar, wie es heißt, "zuungunsten der AfD". Eine Geschichtslehrerin soll die Partei im Unterricht mit der NSDAP verglichen und ihren Schülern gesagt haben, diese dürften "niemals AfD wählen". Und überhaupt, kritisierte die AfD, würden an dieser Schule ständig Lehrer "Witze machen und Schlechtes über die Partei reden".

Sven Nack, der Leiter der Schule, musste eine Stellungnahme an den Senat verfassen. Er sagt, seine Kollegin habe ihm versichert, nie eine Wahlempfehlung abgegeben zu haben: Sie habe den Schülern bloß gesagt, sie würde selbst nicht die AfD wählen. Und der NSDAP-Vergleich sei von einer Schülerin gekommen. Nack hat daran keinen Zweifel. Er weiß bis heute nicht, wer seine Lehrerin der AfD gemeldet hat, er will es auch gar nicht wissen. Er sagt: "Wenn Menschen miteinander kommunizieren, können Missverständnisse entstehen."

Es ist nur einer von vielen Fällen, die die AfD in jüngster Zeit anführt. Die Partei hat mehrere Dienstaufsichtsbeschwerden eingereicht, zuletzt gegen Lehrer in Aachen, Bremen, Hamburg. In parlamentarischen Anfragen sammelt sie in den Bundesländern Hinweise auf schulisches Fehlverhalten. Der Vorwurf lautet immer gleich: Lehrer würden gegen das politische Neutralitätsgebot verstoßen. Das heißt: Sie seien parteiisch, was ihnen der Berufsstand untersagt.

In Hamburg hat sie damit teilweise Erfolg gehabt. Im vergangenen Jahr hat die Schulbehörde auf Hinweis der AfD in einigen Schulen "interveniert". In welcher Form und mit welchen Folgen – dazu will sich die Behörde auf Nachfrage der ZEIT nicht äußern. Es scheint, als fehle dort eine Idee, wie man sich gegenüber dem Erfolg der AfD positionieren soll.

In der Hansestadt will die Partei sogar eine Meldeplattform einrichten – ein Vorstoß, der für Aufregung sorgte. Eltern und Schüler sollen vom kommenden Schuljahr an über ein Online-Formular melden, wenn Lehrer "Hetze, Stimmungsmache und Falschbehauptungen" gegen die AfD betreiben. Die Partei bezeichnet diese Plattform als "Kummerkasten". Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft vergleicht das Vorhaben mit Methoden aus der NS-Zeit, der Deutsche Lehrerverband spricht von einem "Aufruf zur Denunziation".

Alexander Wolf, der schulpolitische Sprecher der Hamburger AfD, gibt sich einige Tage nach der Ankündigung auffällig bedacht. Natürlich, sagt er, würden die Namen der Lehrer niemals veröffentlicht werden. Und man wolle auch die Vorwürfe nicht bekannt machen. Es sei denn, lenkt er ein, "es stinkt irgendwo zum Himmel".

Mit ihrem Vorgehen gegen Lehrer bringt die AfD das bildungspolitische Selbstverständnis des Landes ins Wanken. Sie hinterfragt – oder untergräbt? – Grundsätze, die seit Jahrzehnten den politischen Unterricht an Schulen bestimmen. Sie zwingt Lehrer, Schüler und Politik, einen Standpunkt zu verdeutlichen, der seit fast fünfzig Jahren gilt. Denn wann das Verhalten von Lehrern "zum Himmel stinkt", wann Lehrer das Neutralitätsgebot brechen, entscheidet nicht etwa der Geruchssinn einer Partei, sondern der Beutelsbacher Konsens. Er entstand in den polarisierten siebziger Jahren, als Folge heftiger Auseinandersetzungen zwischen Konservativen und Linken.