Vor zwei Tagen ist der Güterzug in der norditalienischen Stadt Novara abgefahren, hat erst die Schweizer Alpen und dann ganz Deutschland durchquert, jetzt steht er hier im Hafen von Lübeck, und Markus Mattersberger muss sich beeilen. Mit orangefarbener Warnweste und gelbem Helm läuft der Hafenarbeiter am Zug entlang und löst an jedem Waggon die Verriegelungen, damit sein Kollege auf dem Kran die Fracht abladen kann, das Schiff wartet schon. Gerade will er einen Waggon weitergehen, da steht an diesem Sonntagmorgen im Mai 2018 plötzlich ein Mann vor ihm, schmal, schwankend, mit schwarzer Haut. Der Mann bricht zusammen und sagt ganz leise: "Help". Er zeigt auf den Waggon neben sich. Mattersberger, so wird er später berichten, sieht den Schnitt in der Plane. Er schaut hinein und blickt in das Gesicht eines Säuglings.

Das Kind kann nicht älter sein als zwei Wochen, denkt Mattersberger, der selbst gerade Vater geworden ist. Er steigt auf den Zug und öffnet den Anhänger. Zwölf Menschen sitzen darin. Sie stammen aus Nigeria und Sierra Leone, sie haben die Sahara überwunden und das Mittelmeer, dann haben sie sich in diesem Zug versteckt. Jetzt sind sie hier.

Jeden Tag, jede Nacht überqueren mehrere Tausend Güterzüge die deutsche Grenze. Sie beliefern Kaufhäuser mit Spielwaren, Fabriken mit Stahl – und manchmal bringen sie auch Menschen. Menschen, die, um den Grenzkontrollen zu entgehen, hinter die Fracht klettern, auf den Puffern zwischen den Waggons reiten, sich an die Achsen hängen. Im Juni 2017 fällt ein Afrikaner in Oberbayern vom Zug und stirbt. Im Dezember gerät ein anderer noch in Tirol an die Oberleitung. Auch er kommt ums Leben. Im März findet die Polizei in Südbaden 16 Afrikaner in einem Container, kurz darauf springen drei Nigerianer von einem Zug, als der im baden-württembergischen Offenburg anhält. Jetzt Lübeck.

Drei Gründe gibt es, weshalb Menschen aus ihrer Heimat fliehen: Krieg. Diktatur. Armut. Alle drei sind schrecklich, und doch unterscheiden sie sich. Bisher ging noch jeder Krieg zu Ende, ist noch jeder Diktator gestorben. Der Fluchtgrund verschwand, und die Menschen blieben wieder zu Hause.

Die Armut aber will nicht gehen.

Besonders in Afrika scheint sie unbesiegbar, hat sie sich festgekrallt in Hütten und Häusern, vor allem in den Ländern südlich der Sahara. Die Menschen fliehen aus Nigeria, Kamerun, Burkina Faso und dem Senegal. Sie verlassen Sierra Leone, Uganda und die Elfenbeinküste. Sie gehen fort aus Mali, Togo und dem Tschad. Sie setzen sich in Busse, auf Lastwagen und Motorräder, und manchmal gehen sie zu Fuß. Manche sterben in der Wüste oder auf dem Meer, aber die Angst davor hält die anderen nicht auf. Auch die 630 Afrikaner, die zuletzt tagelang auf dem Rettungsschiff Aquarius und seinen Beibooten ausharren mussten, bevor sie an Land gehen durften, wollten nur eines: weg von zu Hause.

Was ist geschehen, das Afrika so verlassenswert macht?

Dieses Dossier beschreibt das Leben von fünf Menschen, die in fünf Ländern südlich der Sahara aufgewachsen sind. Ein Bauer ist unter ihnen, ein Unternehmer und eine Frau, die früher jeden Tag zum Brunnen laufen musste, um Wasser zu holen, heute aber zu den mächtigsten Persönlichkeiten ihres Landes zählt. Einer der fünf lebt heute in Deutschland und verdient Geld damit, Afrikanern in Afrika zu helfen. Ein anderer hat als Kind andere Menschen getötet.

Die Schauplätze

Die in dieser Karte markierten Länder haben im Leben der fünf Hauptpersonen unseres Dossiers eine Rolle gespielt.

© ZEIT-Grafik

Die fünf sind einander nie begegnet. Und doch fügen sich ihre Schicksale zu einem großen Bild dieses Kontinents zusammen. Denn alle sind sie mit Dingen in Berührung gekommen, die deutlich machen, woran Afrika leidet. Spricht man mit jedem dieser fünf Protagonisten über sein Leben, fragt nach Träumen, Erfolgen und Niederlagen und zeichnet schließlich die fünf Biografien über die vergangenen 40 Jahre nach, dann entsteht die Chronik einer enttäuschten Hoffnung.

Subsahara-Afrika besteht aus 49 Staaten, es ist mehr als fünfmal so groß wie die Europäische Union, größer als die USA, China und Indien zusammen. Als sich die Kolonialmächte Mitte des vergangenen Jahrhunderts von dieser Landmasse zurückzogen, da schien der Weg zum Wohlstand nicht weit. Europa verfügte damals über wenig Öl – den begehrtesten Rohstoff der Welt –, es hatte kaum Kupfer, kaum Gold, kaum Silber, keine Diamanten. In Europa wuchs kein Kaffee – der zweitbegehrteste Rohstoff der Welt –, kein Kakao und wenig Baumwolle.

Afrika besaß alle diese Rohstoffe im Überfluss.

Mitte der sechziger Jahre sagte ein Experte der Weltbank voraus: "Den meisten Regionen Afrikas könnte eine glänzende ökonomische Zukunft bevorstehen."

Der damalige UN-Generalsekretär schwärmte nach einer Rundreise durch Afrika von "unverbrauchten und begabten jungen Politikern".

Der spätere Präsident von Ghana erklärte: "Morgen sind wir die USA: die United States of Africa".

Heute ist Europa immer noch arm an Rohstoffen, aber sein Reichtum wächst.

Afrika ist immer noch reich an Rohstoffen, aber der durchschnittliche Afrikaner verdient zwanzigmal weniger als der durchschnittliche Europäer.

Wer ist schuld daran? Sind es die Afrikaner selbst? Oder sind es die reichen Länder des Nordens, die nur deshalb immer reicher wurden, weil Afrika arm blieb?