Angela Merkel, die einst im Ausland als "Königin", gar "Kaiserin" von Europa gefeiert wurde, hat noch hässlichere Probleme als die putschwillige CSU und ihren Herzog Horst Seehofer. Da ist einmal ihr vom Zerfall bedrohtes Reich namens "EU", das von Portugal bis Polen reicht. Zum Zweiten ist es eine Weltbühne, auf der Europa, obwohl wirtschaftlich so mächtig wie Amerika, in eine Statistenrolle abgedrängt wird.

Es entsteht ein tripolares System, wo Trumps Amerika lieber mit den großen Jungs, den Autokraten von Russland und China, spielt als mit den alten demokratischen Verbündeten. Seine Verachtung für die Kanzlerin verbirgt er nicht mehr; sie füge Deutschland mit ihrer Flüchtlingspolitik "enormen Schaden" zu. Dem kanadischen Premier wünscht sein Berater einen "besonderen Platz in der Hölle". Den Gipfel der G7, des "Politbüros" des Westens, lässt er platzen. Die EU überzieht er mit Strafzöllen.

Trumps Devise ist "ich", nicht "wir" – Nationalegoismus statt regelhaften Konfliktmanagements. Macht schlägt Verantwortung – genauso wie bei Putin und Xi. In dieser Arena ist Merkel als Vorkämpferin für eine liberale Weltordnung "the last woman standing". Derweil wankt die EU-Bühne, die Merkel einst meisterlich bespielt hat.

England, die klassische Freihandelsnation, ist out. In Italien haben die rechten und linken Populisten den Palazzo Chigi, den Regierungssitz, erobert. Die "starken Männer" – anti-europäisch und illiberal – beherrschen Polen und Ungarn. In Wien haben die Rechtsnationalen der FPÖ die halbe Regierungsmacht ergattert. Quer durch die EU haben die Populisten in den Wahlen doppelstellig Stimmen abgeräumt. Mehrheiten lehnen Einwanderung aus Nicht-EU-Ländern ab – bis zu 80 Prozent in Ungarn und Tschechien. Es wütet der "Defensiv-Nationalismus": Macht das Tor zu!

Auf dieser breiten Bühne bildet die Zerrüttung der CDU-CSU-Ehe nur einen Ausschnitt des gesamteuropäischen Dramas ab. Hier gerät Merkels "europäische Lösung" des Flüchtlingsproblems zum schönen, aber illusionären Traum. Verteilung quer durch die EU, offene Grenzen quer durch "Schengenland"? Aus der EU schallt seit 2015 das umgekehrte Motto der "Drei Musketiere" zurück: "Alle für sich, keiner für alle!"

Merkel hat recht: Wer die Binnengrenzen der EU dichtmachen will, legt Hand an das wackelnde europäische Projekt. Logischerweise bleibt nur die Befestigung der EU-Außengrenzen – mit einer gewaltigen Flotte im Mittelmeer, mit einer massiven Polizeipräsenz nebst Mauern und Stacheldraht an den Landesgrenzen im Südosten. Können die Europäer die Bilder aushalten? Ertrinkende Flüchtlinge, Rettungsschiffe, die von Hafen zu Hafen irren?

Sicher ist nur eines: Zerplatzt Merkels "europäische Lösung", wird es viele nationale geben, auch in Deutschland. Ein jeder wird zurück- und abweisen, wie es selbst die Gutmacht Schweden seit 2015 tut. Oder ein offenkundiges Risiko in Kauf nehmen: den anschwellenden Wutgesang, der die Wähler nach rechts außen treibt. Umso mehr müssen wir Merkel bis zum EU-Gipfel ein glückliches Händchen wünschen. Und der CSU einen kühlen Kopf. Ihre Strategen werden gemerkt haben, dass der Dauerbeschuss der Kanzlerin nach hinten losgegangen ist. Die CSU kommt in der jüngsten Umfrage auf 36 Prozent. Eine Woche zuvor waren es 41.