Frage: Herr Börner, als Astrophysiker erforschen Sie den Kosmos bis zu seinem jüngsten Tag – ist Ihnen unterwegs je Gott begegnet?

Gerhard Börner: Nein. Das ist schon methodisch nicht möglich. Im physikalischen Weltbild ist kein Platz für Gott. Selbst Versuche, über ihn in der Sprache der Physik zu reden, sind nicht schlüssig. Naturwissenschaftlich lässt sich ein Schöpfer nicht begreifen, weil er außerhalb des Erforschbaren steht.

Frage: Gleichzeitig wirft die Physik immer wieder Fragen auf, die wir nur metaphysisch beantworten können ...

Börner: Wir stoßen tatsächlich auf viele Dinge, die weit von der Alltagserfahrung abweichen. Der Kohlenstoff im Inneren Ihrer Knochen stammt aus der Mitte längst explodierter Sterne. Wir alle sind letztlich Kinder von Supernovae und materiell mit dem ganzen Kosmos verbunden. Naturwissenschaftlich können wir daraus keinen Sinn ableiten. Die Physik kann nicht einmal fragen, warum unser Universum so ist und nicht anders.

Frage: Welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

Börner: Das muss jeder selber entscheiden. Die einen sagen: Ich lasse nur das physikalisch Beweisbare zu. Die anderen sagen: Ich bin offen, mir ist klar, dass die Erkenntnisse begrenzt sind. Ich persönlich kann mir problemlos Dinge vorstellen, die über physikalische Erkenntnisse hinausgehen. Ich kann glauben. Meine Methoden beeinflusst das nicht.

Frage: Ein gläubiger und ein agnostischer Physiker betreiben die gleiche Physik?

Börner: Unbedingt.

Frage: Sind Sie manchmal froh, wenn Sie nach Wochen erfolgloser Testreihen aus dem Laborfenster schauen und in wolkige Warum-Fragen entschweben können?

Börner: O ja. Da gibt es eine schöne Anekdote von Heisenberg, der nach einer komplizierten Diskussion über die mathematische Struktur des Raums plötzlich aus dem Fenster blickt und sagt: "Das ist ja alles gar nicht wahr, der Himmel ist doch blau und da fliegen die Vögel." Natürlich ist die andere Perspektive erholsam. Sehr sogar.

Frage: Wie vereinen Sie diese beiden Sichtweisen?

Börner: Ich versuche, meine Überzeugungen so miteinander in Einklang zu bringen, dass sie mich rational befriedigen. Für die Naturwissenschaft ist der Mensch nur eine biologische Maschine. Daneben steht die Sehnsucht, dass das Leben einen Sinn hat, dass wir mehr sind als nur Automaten. Der Glaube kann auf diese Weise einen Sinn vermitteln – wenn man das Glück hat, glauben zu können.

Frage: Vielen Wissenschaftlern ist es ein rationales Gebot, gerade nicht zu glauben ...

Börner: Das ist auch nur eine Glaubensentscheidung. Ich denke, dass man heute in der Physik nicht mehr alles deterministisch sehen muss. Die physikalische Welt ist mittlerweile viel komplexer, als man vor 150 Jahren glaubte. Damals konstruierte man den Gegensatz von Wissenschaft und Glauben.

Frage: Dennoch liegt der Glaube an einen Schöpfer, der alles sinnvoll eingerichtet hat, davon sehr weit entfernt.

Börner: Sicher sind das Vorstellungen der Religion, die man nicht durch die Naturwissenschaft belegen kann. Da man aber auch nicht das Gegenteil beweisen kann und unser Wissen schlicht nicht ausreicht, muss man jedem seine eigenen Vorstellungen zubilligen.

Frage: Sie haben das "Glück des Glaubenkönnens" erwähnt. Wovon hängt das ab?

Börner: Naturwissenschaftlich geprägten Menschen fällt das besonders schwer. Sie können nicht ohne Weiteres akzeptieren, dass da jemand behauptet, im Besitz der Wahrheit zu sein, ohne sie beweisen zu können. Für mich deuten viele Erkenntnisse darauf hin, dass die rein physikalische Sicht beschränkt ist. In der Physik beschreiben wir eine Existenz in Raum und Zeit. Wir sehen aber in kosmologischen Modellen, dass selbst Raum und Zeit im Urknall erst entstanden sind – und in schwarzen Löchern wieder vergehen werden.

Frage: Das klingt beunruhigend ...

Börner: Im Gegenteil, ich finde das sehr befriedigend. Denn wenn das so ist, dann gibt es möglicherweise auch Dinge außerhalb von Raum und Zeit, die für uns nicht erfassbar sind, sich aber entscheidend auf unsere tatsächliche Existenz auswirken.

Frage: Sind Sie trotz oder wegen Ihrer Arbeit heute Christ?