Axel Friedrich ist Mitbegründer des "Internationalen Rats für sauberen Verkehr", der den Diesel-Betrug aufdeckte. Früher war er Abteilungsleiter im Umweltbundesamt. Im Interview spricht der Chemiker darüber, wie Autos endlich sauberer werden können.

DIE ZEIT: In Hamburg hat kürzlich der grüne Umweltsenator Jens Kerstan die Teilsperrungen zweier Straßen für ältere Dieselfahrzeuge verfügt. Sind die Grünen damit Vorreiter im Kampf gegen die Luftverschmutzung?

Axel Friedrich: Diese Regelung ist reine Symbolpolitik und Messwerte-Kosmetik. Im Umfeld von zwei wichtigen Messstationen werden die zu hohen Stickoxidwerte zwar sinken. Aber insgesamt wird die Luftverschmutzung nur umverteilt und tendenziell erhöht, weil die Umleitungen die Fahrtwege verlängern.

ZEIT: In Baden-Württemberg will der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann Fahrverbote vermeiden und warnt, ein Verbot von Verbrennungsmotoren werde massiv Wählerstimmen kosten.

Friedrich: Das ist verrückt. Die Regierenden haben geschworen, Schaden vom Volk abzuwenden. Aber statt unsere Gesundheit zu schützen, kungeln sie mit der Autoindustrie und den Gewerkschaften, die vor Arbeitsplatzverlusten warnen.

ZEIT: Auch Bundesumweltministerin Svenja Schulze fordert nur noch eine gezielte Nachrüstung für Dieselautos in Städten mit besonders schlechter Luft. So ließen sich Milliarden sparen. Ist das ein vernünftiger Kompromiss?

Friedrich: Nein. Wie wollen Sie Pendlern erklären, dass sie keine Nachrüstung bekommen, weil sie zu weit außerhalb der Stadt wohnen? Das ist juristisch nicht haltbar.

ZEIT: Die Umweltministerin lehnt auch die Einführung einer blauen Plakette ab, mit deren Hilfe kontrolliert werden könnte, welche Autos in Sperrgebiete fahren dürfen. Die Polizei warnt, für Einzelprüfungen der Fahrzeugpapiere fehle das Personal. Sind die Sperrzonen dann nicht Makulatur?

Friedrich: Nicht unbedingt. Mit Kontrollsystemen wie bei der Maut ließe sich jedes Nummernschild erkennen und damit die zugehörige Abgasnorm des Autos. Doch das ist politisch heikel und unerwünscht. Ich halte die blaue Plakette für die einzig sinnvolle Methode.

ZEIT: Hamburg will Dieselfahrzeuge mit Euro-6-Norm weiterhin fahren lassen, alle älteren mit Euro 5 und niedriger aussperren. Ihre Abgasmessungen belegen, dass neue Euro-6-Autos in der Praxis bis zu dreimal mehr Stickoxide emittieren als manch alter Euro-4-Diesel. Sind solche Fahrverbote nicht ungerecht?

Friedrich: Allerdings. Es ist nicht nachvollziehbar, dass ein neuer fetter Geländewagen, dessen Zulassung durch Trickserei des Herstellers Sauberkeit vortäuscht, in der Sperrzone fahren darf, während der Wenigverdiener sein altes, aber viel weniger gefährliches Auto stehen lassen muss. Hier sind juristische Auseinandersetzungen programmiert.