Nun trifft es also das Radiostudio. Auch das sollen die Berner hergeben, damit Zürich endlich zur Radiohauptstadt werden kann. Dabei ist Zürich längst Wirtschaftshauptstadt, Hochschulhauptstadt, Bankenhauptstadt, Luftfahrthauptstadt, Kulturhauptstadt. Ja, Zürich ist die inoffizielle Kapitale der Schweiz. Obschon ihr dieser Status von einer Mehrheit der anderen Landesteile nie zugesprochen wurde. Die größte Schweizer Stadt hat diesen Status an sich gerissen. So, wie es halt ihre Art ist.

Bereits vor zehn Jahren beklagte ich auf den Schweiz-Seiten der ZEIT die Herabstufung der Bundesstadt. Damals hatte die Eidgenossenschaft in ihrem neuen Raumkonzept Schweiz lediglich Zürich, Basel und das Genferseebecken als Metropolitanregionen definiert – nicht aber Bern. Die Berner Politik empörte sich über diese Deklassierung und erstritt sich eine Sonderkategorie. Sie war nun "Hauptstadtregion". Geholfen hat es nicht viel, Bern geriet weiter ins Hintertreffen.

Als Nächstes soll die Stadt die Nachrichtenredaktion von Schweizer Radio SRF verlieren. 150 Mitarbeiter müssten dann nach Zürich umziehen, in der Bundesstadt verblieben gerade mal 25 Inland-Journalisten – und das Regionaljournal Bern-Freiburg-Wallis. Wie vor zehn Jahren protestieren regionale Politiker lautstark.

Eine Konzentration in Zürich, das schaffe Synergien, das spare Kosten und ermögliche ein konvergentes Arbeiten von Fernsehen und Radio, sagen die Radio-Chefs. Wer hat, dem wird gegeben: Wer derart einseitig ökonomisch argumentiert, der hilft in der Schweiz immer Zürich. Darunter leiden die Berner, Freiburger, Walliser, aber auch die Basler oder die Welschen: Für sie ist die SRG, wozu das Schweizer Radio gehört, ein Verbund, in dem die Regionen ihre eigene Stimme und Perspektive auf das Land einbringen. Ein Radio und Fernsehen, die lediglich aus Zürich senden, das bedeutet: Die Schweiz wird nur noch aus der Zürcher Perspektive betrachtet. Alles, was jenseits von Winterthur, Rapperswil, Zug oder Baden liegt, wird zur medialen Provinz.

Der Streit um den Umzug des Radiostudios wirft eine Grundsatzfrage auf: Was ist die Schweiz? Das Hinterland eines Wirtschafts-Hotspots? So sehen das die Zürcher. Oder ein mosaikartiges, multipolares Gebilde mit mehreren Zentren? So verstehen die Berner ihr Land.

Zürich steht für die Vorrangstellung, Bern für den Ausgleich. Aber das war nicht immer so.

Als die vereinigte Bundesversammlung 1848 eine Bundesstadt kürte – keine Hauptstadt! – waren Bern und Zürich noch auf Augenhöhe. Bern erhielt den Zuschlag, weil die Stadt aus allen Landesteilen relativ gut erreichbar war und eine Brückenfunktion zwischen Deutsch- und Westschweiz innehatte. Als die Stadt Bern das erste Bundesgebäude baute – das heutige Bundeshaus West –, klotzte sie keinen Prachtbau an den Rand ihrer Altstadt, sondern hielt sich architektonisch bewusst zurück. Sie wollte damit den Kantonen ihre Zentralisierungsängste nehmen.

Doch kaum war Bern die offizielle Landeszentrale, machte ihr das aufstrebende Zürich diesen Status streitig. 1854 gelang es Zürcher Lobbyisten, den Bernern die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) wegzuschnappen. Die neue nationale Bildungsstätte erweist sich bis heute als ökonomischer Antriebsmotor. Der Know-how-Transfer vom Hörsaal in die Fabrikhallen funktionierte auf Anhieb. Und die jährlichen Bundesbeiträge brachten die neue Hochschule und ihre Stadt voran. Bern hingegen profitierte lange nur wenig von der vermeintlich größeren Hauptstadtwürde. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Bundesverwaltung stark an und bescherte der Stadt attraktive Arbeitsplätze.

Einige von ihnen musste Bern aber mit Zürich teilen. 1912 bezog die Schweizerische Nationalbank (SNB) ihre erste Zentrale am Berner Bundesplatz. Aber schon 1922 erhielt auch Zürich ein SNB-Hauptgebäude; heute tagt die SNB-Direktion meist am Bürkliplatz. Kaum begann 2009 die neue Finanzmarktaufsicht Finma in Bern mit ihrer Arbeit, eröffnete sie eine Außenstelle in Zürich, in der heute 20 Prozent ihres Personals arbeiten.

Zürich stach Bern auch beim Flugverkehr aus. 1942 lancierten Stadt und Kanton ein Flughafenprojekt in der flachen Berner Landgemeinde Utzenstorf. Aber angeführt von Politikern der Bauern- und Gewerbepartei, der Vorläuferin der SVP, bodigten lokale Bauern das Berner Projekt. 1945 erhielt deshalb Zürich-Kloten den Zuschlag für den nationalen Airport. Über den Feldern von Utzenstorf kreisen heute Mäusebussarde statt Düsenjets, und die wachstumsskeptischen Berner sind bis heute froh, vom Fluglärm verschont zu sein. Zürich-Flughafen ist von Bern ja bloß 70 Zugminuten entfernt.