Wenn das schwarze Superstar-Ehepaar Beyoncé und Jay-Z (er gilt als einer der besten Rapper überhaupt, sie als die absolute Königin der Musik-Gegenwart und nicht nur dieser, zusammen kommen sie auf ein Vermögen von etwas über einer Milliarden Dollar) – wenn also das sogenannte power couple des Hip-Hop ohne Vorankündigung das erste gemeinsame Album herausbringt, dann ist das ein absolutes Großereignis. Folgerichtig wurde in der vergangenen Samstagnacht, also kurz nachdem man wissen konnte, dass es das Album Everything Is Love tatsächlich gibt und man es bei dem Streamingdienst Tidal (Miteigentümer: Jay-Z und Beyoncé beziehungsweise: "The Carters", denn Jay-Zs bürgerlicher Name ist Shawn Carter) anhören kann, aufgeregt getwittert und getextet. Etwa so: "NEUES ALBUM VON BEYONCÉ UND JAY-Z!!!" – "Schon draußen?"– "Yes!" – "Hahaha. Die haben das Video zu Apeshit echt im Louvre gedreht. Nächstes Video dann vorm Brandenburger Tor." – "Finde, sie rappt besser als Jay-Z." – "Werde mir trotzdem kein Tidal holen." – "Sie sind Milliardäre. Warum müssen sie 9 Tracks lang erzählen, wie sehr sie oben sind?" – "Aber das ist ihr Job in Amerika, du Trottel."

Tatsächlich sind somit wesentliche Aspekte umrissen, die zum Verständnis des neun Stücke umfassenden Albums Voraussetzung sind. Was allerdings fehlt, ist die Vorgeschichte, denn bei der Platte handelt es sich um den Abschluss einer Trilogie, die 2016 mit Beyoncés Album Lemonade begann. Damals thematisierte Beyoncé nicht nur sehr explizit Jay-Zs Untreue und die Respektlosigkeiten, die sie dadurch erfuhr. In Lemonade ging es um schwarze weibliche Identität, es ging um Mütter, die ihre Kinder allein großziehen, weil die dazugehörigen schwarzen Väter entweder inhaftiert sind oder abgehauen beziehungsweise erschossen worden sind (weil sie sich gegenseitig erschossen haben, oder weil sie von Polizisten erschossen wurden). Am Ende dieses feministischen Anti-Rassismus-Albums, das zu Recht als Meisterwerk ("global-shaking", "superhero status") gefeiert wurde, verzieh Beyoncé Jay-Z, und die Idee war, dass nun ein Prozess der Heilung nicht nur der Beziehung von Jay-Z und Beyoncé, sondern auch des schwarzen Amerikas beginnen würde (durch self-respect, love, und family values).

2017 veröffentliche Jay-Z dann mit dem Album 4:44 eine nachdenkliche Antwort, mit der er seine Frau öffentlich um Verzeihung bat und die in ihrer Zurückhaltung das Gegenteil der monumentalen Lemonade-Platte war und somit mitunter als feministisches Statement interpretiert wurde. Auch Jay-Z reflektierte auf 4:44 seine Herkunft (Brooklyn, vaterlos aufgewachsen, später Drogendealer), die konstante Erfahrung von Rassismus, seine Unfähigkeit zu verbindlichen Beziehungen (sterben oder gehen sowieso alle) und den gesellschaftlich implementierten, zerstörerischen Glauben schwarzer Männer, sie hätten nichts Gutes verdient.

Wieder ein Jahr später dann erscheint Everything Is Love, das erste gemeinsame Album. Und was die Carters damit in erster Linie tun, ist: sich selbst feiern. Der großartig rappende Jay-Z und die stellenweise noch großartiger rappende Beyoncé (beste Ad-Libs) rappen auf perfekt produziertem Rap-Trap-Pop-Sound (produziert von "The Carters", aber auch von Pharrell, Cool & Dre, Dave Sistek), der klingt wie erfolgreiche Rap-Hits gerade klingen.

Beim Hören des Albums erfährt man, dass "The Carters" mehr Privatjets, mehr Philippe Patek, mehr Givenchy und mehr Lamborghinis haben als jeder andere. "The Carters" haben auch bessere Freunde ("My friends, real friends, better than your friends"). "The Carters" mieten den Louvre, um ein Musikvideo vor den von weißen Künstlern porträtierten weißen Menschen zu drehen (Apeshit), wenn "The Carters" wollen, mieten "The Carters" ganz Paris und schmeißen alle anderen raus. "The Carters" kennen sich besser mit der aktuell erfolgreichsten Musik aus als jeder andere (das Album ist voller Referenzen, die man nur durch ein Forschungssemester bei genius.com entschlüsseln kann).

Was also beim Hören des Albums recht deutlich wird, ist, dass Beyoncé und Jay-Z niemanden mehr brauchen, dass sie wirklich genug Geld haben und dass sie es, entgegen aller Wahrscheinlichkeiten, ganz nach oben geschafft haben. Man könnte das als überflüssige Information abtun, die schon redundant ist, bevor sie einem über neun Tracks hinweg immer wieder vermittelt wird. Aber das ist sie eben nur so lange, wie man vergisst, wer da rappt beziehungsweise singt, nämlich zwei Schwarze, und das zu vergessen gelingt natürlich nur, wenn man selber weiß ist (und Dinge für selbstverständlich hält, die nur für Weiße selbstverständlich sind). Die we made it-Musik also kommt von zwei Schwarzen, deren erklärte Idee es ist, im rassistischen und inzwischen offiziell komplett verrückt gewordenen Trump-Amerika ein neues Narrativ für schwarze Menschen zu etablieren – zwei Menschen, die durch und gegen dieses Amerika richtig viel Geld verdienen. Die großen amerikanischen Institutionen oder Firmen (NFL, Grammys, Apple), die in den Texten angegriffen werden, sind eine fortwährende Wiederholung dieses Anspruchs, genauso wie die Betonung des eigenen Reichtums und der sich daraus ergebenden Partizipationsmöglichkeiten (den Louvre mieten, weiße Kunst mit schwarzer überschreiben). Ein weiterer Aspekt dieser empowerment-Mission ist die Betonung ursprünglich konservativer Werte wie Ehe und Familie. Everything Is Love feiert die Liebe und Versöhnung Beyoncés und Jay-Zs, wobei deren Ehe immer wieder als revolutionäre Superwaffe gegen das rassistische Draußen fungiert. Die immer wieder betonte Gemeinsam-sind-wir-stark-Attitüde des Beyoncé-Jay-Z-Binnenverhältnisses wird auf das schwarze Amerika übertragen, Reichtum soll geschaffen werden, was nur durch Selbstrespekt, harte Arbeit und familiären Zusammenhalt funktioniere, dessen Voraussetzung es wiederum sei, dass die schwarzen Frauen respektiert würden (folgerichtig ist Beyoncé die Hauptfigur von "The Carters", während Jay-Z sich zurückhält). Der von den Carters geschaffene Reichtum soll schließlich an die eigenen Kinder weitergegeben werden. So sollen es viele schwarze Familien machen.

Man kann diese Rechnung realitätsfern nennen, scheinheilig oder kalt und – Verzeihung – neoliberal beziehungsweise turbokapitalistisch, was wahrscheinlich ebenso richtig ist wie falsch, also in etwa so clever wie herkömmliche Kapitalismuskritik. Alternativ kann man sich daran erinnern, dass es nicht in den Kernkompetenzbereich zweier Musiker gehört, schlüssige Konzepte zur Veränderung der Gesellschaft vorzulegen, sondern dass es vielmehr ihr Job ist, Geschichten zu verkaufen. Die Geschichte, die Beyoncé und Jay-Z anbieten, folgt dem Modell der schwarzen Hip-Hop-Tradition, also sich selbst großmachen, indem man andere Menschen kleinmacht, weil man sagt, wie absurd viel Geld man hat und was man sich davon alles kaufen kann, obwohl beziehungsweise gerade weil das eigentlich nie so gedacht war.

Diese Angeberei nun ist für akademische Mittelschichtskritiker, in deren Zuständigkeitsbereich inzwischen nicht nur das Beurteilen von Louvre-Ausstellungen, sondern auch das von Rap-Musik fällt, befremdlich (neureich, peinlich, deppert), und so markiert die finanzielle Breitbeinigkeit von Beyoncé und Jay-Z hier tatsächlich eine ziemlich deutliche Trennungslinie zwischen Schwarz und Weiß. Eine Trennungslinie, die man ein bisschen unappetitlich finden kann (weil einen diese Aufsteiger durch ihr komisches Verhalten doch nicht permanent daran erinnern müssen, wo sie herkommen und dass es diesen Ort weiterhin gibt). Oder man nennt jene Trennungslinie konsequent und vielleicht sogar radikal, nicht zuletzt weil der Aufstieg von Beyoncé und Jay-Z eine an sich komplett unwahrscheinliche Geschichte ist, deren Unwahrscheinlichkeit auch für den Rest des schwarzen Amerikas gilt.