Es gibt Abende in der Blauen Moschee, da weinen hundert Männer um eine Frau. "Fatemeh!" schreien sie, "Fatemeh!". Sie stehen auf einem riesigen Rundteppich im Schummerlicht eines Kronleuchters. Alle tragen Schwarz, werfen synchron die Arme in die Luft und schlagen sich mit ihren Fäusten auf den Brustkorb. Es klingt wie ein Trommeln, bumm, bumm, bumm. Vielen laufen Tränen die Wangen herunter.

Draußen schlendern Jugendliche am Alsterufer entlang und trinken Bier. Drinnen, in der Imam-Ali-Moschee, trauern die Gläubigen um Fatemeh, die Tochter des Propheten Mohammed, gestorben vor 1386 Jahren. Die Adresse: Schöne Aussicht 36. Die Ästhetik: persische Architektur in Himmelblau. Seit über fünfzig Jahren steht die Moschee an diesem Ort, seit Jahrzehnten wird sie vom Verfassungsschutz beobachtet. Nicht wegen friedlicher Trauerrituale wie der Zeremonie für Fatemeh. Sondern weil über den Träger der Moschee, das Islamische Zentrum Hamburg, der Iran Einfluss in Deutschland ausüben soll.

Die Schiiten sind nach den Sunniten die zweitgrößte Glaubensgruppe im Islam. Die meisten von ihnen leben im Iran und Irak. Seit 1979, seitdem der Iran eine Islamische Republik ist, versucht das Regime, auf schiitische Institutionen in der Welt einzuwirken. So auch auf die Moschee an der Alster, wie Anfang des Monats wieder zu sehen war. 150 Menschen aus dem Hamburger Raum fuhren laut Verfassungsschutz am 9. Juni nach Berlin. Dort nahmen sie an der jährlichen Al-Kuds-Demonstration teil, bei der mitunter antisemitische Verschwörungstheorien verbreitet werden und die israelische Politik mit der Schoah verglichen wird. Das Zentrum steht im Verdacht, sich auch an der Organisation beteiligt zu haben. Auf einem Foto der Demonstration ist Hamidreza Torabi zu sehen, der Leiter der "Islamischen Akademie", eines Lehrangebots, das das Zentrum zusammen mit einer Universität in der iranischen Theologen-Stadt Ghom anbietet.

Aktionen wie diese sind der Grund, warum der 2012 geschlossene Staatsvertrag der Stadt Hamburg mit der Schura, der Interessensvertretung der muslimischen Gemeinden, seit Jahren umstritten ist. Das Islamische Zentrum ist Mitglied der Schura. CDU, FDP und AfD fordern, der Senat solle den Staatsvertrag nach den Ereignissen in Berlin aussetzen. Das soll den Druck auf die Funktionäre der Blauen-Moschee-Gemeinde erhöhen.

Die Gemeinde selbst teilt mit, es habe keine Aufrufe zur Demo-Teilnahme gegeben und es seien keine Busse vor der Moschee abgefahren. Eine Interviewanfrage an den Leiter des Zentrums bleibt seit Wochen unbeantwortet. Die ZEIT hat jedoch in den vergangenen Monaten Einblick in das Leben der Gemeinschaft bekommen und konnte sich ein Bild davon machen, wie intern gedacht und argumentiert wird. Durch einen Mann, der zwischen den Welten vermittelt. Jafar Elsner heißt er, iranischer Vorname, deutscher Nachname. Seit 2012 führt er Schulklassen durch die Räume, beantwortet Presseanfragen und gibt Islamunterricht für Kinder und Konvertiten. Für die Moschee ist Elsner ein Glücksfall. Eigentlich heißt er Georg. "Jafar", den Namen haben sie ihm in Bielefeld gegeben, wo er vor elf Jahren zum Islam übertrat. Er ist gelernter Koch, als Jugendlicher zapfte er Bier im Restaurant seiner Mutter. Er ist der einzige Muslim in seiner Familie. Und der einzige Mitarbeiter am Zentrum ohne iranischen oder afghanischen Hintergrund.

"Habt ihr Fragen?"

Am Freitagmorgen nach der Fatemeh-Zeremonie kämpft Elsner um die Aufmerksamkeit einer siebten Klasse aus Wedel. Ihr Sozialkunde-Lehrer bespricht derzeit die komplizierte Lage im Nahen Osten mit ihnen, jetzt sollen sie eine schiitische Moschee kennenlernen. Fünfundzwanzig Schüler starren Elsner an. Sie sehen: einen Mann Anfang dreißig mit Vollbart und dünnrandiger Brille, er trägt Fleecejacke, Socken und Lederschlappen, weil man die zum Beten am schnellsten ausziehen kann. Er führt durch die Räume voller goldener arabischer Schriftzeichen und blauer Kacheln.

Einer meldet sich.