Das Computerprogramm von Megvii trifft eine erste Entscheidung: "Männlich, kurze Haare, grünes Hemd und schwarze Hose". So klassifiziert das Programm einen Passanten, der in einer Kameraübertragung aus der Vogelperspektive gerade im Bild auftaucht. Gleich danach erkennt es ein Auto als "Personenfahrzeug".

Zwei Versuche, beide richtig. Die Software der Firma Megvii gilt als eines der weltweit führenden Systeme für die automatische Erkennung von Personen und Gegenständen.

Gesichter erscheinen auf den Bildschirmen in Kästchen eingefasst. Über einigen steht das Geschlecht und ein geschätztes Alter, bei anderen schwebt der Name über dem Kopf. Die sind schon im System gespeichert. Und das Programm erfasst auch Körperhaltungen. Diese werden mit gelben und blauen Strichen nachgezeichnet und gespeichert, um eine Person später an ihrem Bewegungsmuster zu erkennen.

Megvii setzt seine Technik selbstverständlich in seinen eigenen Büros im Norden von Peking ein. Wenn die Unternehmenssprecherin Emily Jian die Büros betritt, öffnen sich die Türen dank Gesichtserkennung automatisch. Stechkarten, Türausweise – bei Megvii sind das Accessoires aus einem vergangenen Jahrhundert. Und wenn es nach dem Unternehmen geht, dann wird Gesichtserkennung noch mehr Alltagsgegenstände verdrängen. "In Zukunft wird Gesichtserkennung viele Aspekte unseres Lebens vereinfachen – beim Bezahlen im Supermarkt, beim autonomen Fahren oder in der Medizin", prophezeit Jian. "Unsere Software hat das menschliche Auge an Genauigkeit schon längst abgehängt. Die Sicherheit, mit der wir ein Gesicht identifizieren, liegt bei 99,9 Prozent."

Megvii ist eines von mehreren chinesischen Unternehmen, die auf dem Gebiet der Gesichtserkennung weltweit Respekt genießen. Das Unternehmen spielt damit eine wichtige Rolle im weltweiten Wettlauf um die Entwicklung von künstlicher Intelligenz.

Gesichter zu erkennen ist eine komplexe Aufgabe: Eine Vielzahl von Merkmalen im Gesicht werden erfasst, und sie müssen dabei aus verschiedenen Winkeln und aus der Bewegung heraus erkannt werden. Dann werden sie mit den Informationen in riesigen Datenbanken abgeglichen, in denen bereits bekannte Gesichter gespeichert sind und in die unbekannte Gesichter automatisch hinzugefügt werden. Die Software führt nicht nur laufend solche Abgleiche durch, sondern sie trainiert nebenbei auch, um ihre Erkennungsraten zu verbessern. Sie lernt tatsächlich dazu.

Deshalb ist die Gesichtserkennung ein Aushängeschild für die Entwicklung künstlicher Intelligenz. China sei kein Land mehr, das Technologietrends hinterherhechelt, jubelte die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua im vergangenen Dezember. Man setze jetzt selber solche Trends. Und im Westen, vor allem in den USA, wird in den Medien häufig von einem space race des 21. Jahrhunderts gesprochen. So wie sich die USA und die Sowjetunion in den fünfziger und sechziger Jahren gegenseitig ihre Überlegenheit mit Raumfahrtprogrammen hätten demonstrieren wollen, entscheide heute das Wettrennen um die künstliche Intelligenz, ob die USA oder China das nächste Jahrhundert dominierten.

In der Firmenzentrale von Jingdong, einem der größten Online-Händler Chinas, steht eine Menschentraube vor einem kleinen Supermarkt. Eine Besuchergruppe aus dem Ausland lässt sich erklären, wie ein Ladengeschäft ganz ohne Angestellte funktioniert. Die Kunden – in diesem Fall die Teilnehmer einer angereisten Delegation – verschaffen sich per Gesichtserkennung Zutritt. Wer hineinwill, muss nur die App von Jingdong installiert haben und als Kunde registriert sein.

Weder Telefon noch Kreditkarte und erst recht kein Bargeld sind nötig, um den Laden zu nutzen. Die Kunden legen einfach die elektronisch markierten Waren in den Einkaufskorb. Am Ausgang werden die Waren von einem Sensor erfasst und eine Kamera scannt das Gesicht. Die Rechnung wird automatisch abgebucht. "Das fühlt sich wahnsinnig fortschrittlich an", schwärmt eine Besucherin. Dass der Konzern damit auch sämtliche Einkäufe speichert, beunruhigt hier kaum jemanden. "Für diese Annehmlichkeit ist es nun mal notwendig, dass meine Daten gespeichert werden", sagt einer. "Ich denke, das ist akzeptabel."