Will die CSU die Kanzlerin stürzen? Will sie die Fraktionsgemeinschaft mit der Union aufkündigen? Will sie am Ende eine andere Republik – und ein anderes Europa –, in dem die nationalen Interessen vor den europäischen rangieren? Das sind die Fragen, die derzeit in Berlin kursieren. Nicht nur unter den notorischen Gegnern des bayerischen Konservatismus, bei Sozialdemokraten, Grünen und Linken, sondern in den Reihen der Schwesterpartei CDU.

Noch nie in den vergangenen Jahrzehnten saß bei den Christdemokraten die Verstörung über deren bayerische Freunde so tief wie in diesen Wochen. Noch nie herrschte dort eine so profunde Ahnungslosigkeit über die wahren Absichten der CSU.

Immerhin hat Innenminister Horst Seehofer die Drohung, sein verschärftes Grenzregime notfalls auch gegen den Willen der Kanzlerin durchzusetzen, am Beginn der Woche erst einmal vertagt. Noch inszeniert er sein Zögern als Ultimatum. Aber vielleicht, so hört man in der CDU, ist das auch schon der Beginn des geordneten Rückzugs. Es wäre ja nicht der erste.

Die Erfolgsgeschichte von CDU und CSU ließe sich leicht als Serie erbitterter Auseinandersetzungen schreiben. Immer war die CSU auf der Palme, immer hatte sie die allerernstesten Gründe: in den siebziger Jahren Helmut Kohls "totale Unfähigkeit" (Franz Josef Strauß), in den Achtzigern Heiner Geißlers vermeintlichen CDU-Sozialismus, in den Neunzigern den Euro. Danach ging es gegen die "Leichtmatrosen" (Edmund Stoiber) an der Spitze der CDU, gegen Merkel und ihre Modernisierung. Jetzt ist es die Flüchtlingspolitik mit ihren Folgen, an der die Partei verzweifelt.

Am Ende hat sich die CSU noch immer eingekriegt. Zum bayerischen Furor gehörte eben auch der nüchterne Pragmatismus, Konflikte nicht bis zum bitteren Ende zu treiben. Seit Franz Josef Strauß 1976 die schon beschlossene Kündigung der Fraktionsgemeinschaft mit der CDU wieder einkassierte, weil ihn das Risiko für seine Partei plötzlich in Angst und Schrecken versetzte, ist Rückzug nach wilder Attacke zum Muster geworden.

Darauf darf man sich diesmal nicht verlassen. Denn nicht nur die Welt ist aus den Fugen, auch Bayern und die Herrschaft der CSU sind nicht mehr, was sie einmal waren. Die Flüchtlingskrise 2015 hat im bayerischen Grenzland tiefe Spuren hinterlassen. Und der bevorstehende Einzug einer neuen radikal rechten Partei in den bayerischen Landtag erschüttert schon jetzt die politische Szenerie.

Die AfD bedroht sowohl das Selbstverständnis der CSU wie die Grundlagen ihrer Macht. Denn die bundespolitische Bedeutung der CSU basiert nicht einfach nur auf ihrer Herrschaft in Bayern, sondern auf einem ideologischen Surplus. Jahrzehntelang dehnte sie den politischen Einfluss der Union so weit nach rechts aus, dass dort keine andere Formation eine Chance bekam. Sie dominierte und disziplinierte den rechten Rand.

Franz Josef Strauß hat aus diesem Umstand eine Maxime gemacht. Seine Nachfolger versuchen nun verzweifelt, ihr noch einmal gerecht zu werden. Dass das wohl nicht mehr gelingen wird, ahnen inzwischen auch die Frontmänner der CSU und wollen es doch nicht wahrhaben. Deshalb wirken sie in diesen Tagen so gereizt und wild entschlossen. Es ist keine Eskalation aus kühler Berechnung, eher aus Ratlosigkeit.