Ein Pastor reist Millionen Lichtjahre auf einen fremden Planeten namens Oasis und missioniert dort eine Alien-Kolonie. Klingt nach Star Trek mit einem Schuss Martin Mosebach oder Sybille Lewitscharoff, nach Science-Fiction mit massivem kulturkritischem Überbau. Entsprechend hatte der Verlag den Roman mit einer Art Entschuldigungsschreiben an die Buchhändler und Kritiker versehen. Eigentlich veröffentliche man keine Weltraumfahrertexte, man habe den Roman auch erst einmal abgelehnt. Aber dann, nach anfänglich widerwilliger Lektüre: Begeisterung!

Schade, dass man hierzulande immer noch glaubt, man müsse das Genre-Etikett abkratzen, um die wahren Qualitäten eines Textes freizulegen. Dabei ist es manchmal ausgerechnet das Genre – mit erprobten Regeln und Konventionen –, das erzählerische und dramaturgische Experimente möglich macht. Wenn man zum Beispiel wie Peter, der Held des Buches, ein Dorf mit Aliens vom christlichen Glauben überzeugen soll und feststellt, dass diese Aliens komplett hingerissen sind vom Neuen Testament, dem Buch der seltsamen neuen Dinge, dann ist das schon mal eine Überraschung.

Und wenn diese Aliens zwar ein rudimentäres Englisch sprechen, aber massive Probleme mit Konsonanten haben; wenn sie außerdem kein Wasser kennen und keine Fische, also mit Gleichnisreden von Jesus, die sich der Fischerei und anderer maritimer Bilder bedienen, nichts anfangen können, dann hat der Missionar neben dem Predigen noch eine viel größere, quasi editorische Aufgabe: Er muss die Bibel neu übersetzen, muss Passagen redigieren, wenn nicht ersetzen. Er muss das Evangelium übertragen in einem Sinne, der diesen Text als wirklich weltenübergreifend und allgemeingültig erweist.

Klingt zu kompliziert? Man kann dieses elegant von Malte Krutzsch aus dem Englischen übersetzte Buch auch als Ehe- und Briefroman lesen. Mann wird Missionar in extraterrestrischer Kolonie und lässt Ehefrau in England zurück. Einmal pro Woche erreichen ihn Mails von zu Hause; die Frau vermisst ihren Lebensgefährten, zumal die Apokalypse losgebrochen ist, einschließlich Bürgerkrieg und Naturkatastrophen. Und während Peter bei seinen Jesusfreunden – so nennt er die Indigenen – das Glück gelungener Seelsorge erlebt, kämpft seine Frau hienieden um die nackte Existenz. Die paartherapeutische Binse, der Ehepartner existiere manchmal auf einem andern Stern, wird hier in ein konkretes Szenario übersetzt, und auf einmal steht alles infrage: die Glaubensüberzeugungen, das gegenseitige Vertrauen, die Liebe.

Unsere Welt als Jammertal und der galaktische Außenposten als neues Paradies – das wäre als Pointe dann doch zu einfach. Je länger Peter vor Ort ist, desto rätselhafter werden zum Beispiel seine Kollegen. Was sind das für Leute, die der mächtige Konzern USIC für dieses Projekt ausgewählt hat? Warum haben sie sich für dieses Himmelfahrtskommando entschieden: die harsche Grainger, der zynische Severin?

Und die Jesusfreunde selber: Ihre Zivilisation bleibt unheimlich, ja bedrohlich. Was machen sie mit den Unmengen Medikamenten, die sie gegen selbst angebaute Nahrungsmittel eintauschen? Sind sie süchtig? Stellen sie chemische Waffen her? Und was sind das für merkwürdige Vögel, die eines Tages auftauchen?

Bei der LitCologne las Michel Faber eine Passage des englischen Originals. In der Szene erklärt ein Jesusfreund dem Missionar, dass sein Bruder gestorben sei: "In ihm viele Dinge verkehrt", sagt der Außerirdische. "Reine Dinge unrein geworden. Starke Dinge schwach. Volle Dinge leer. Geschlossene Dinge offen. Offene Dinge geschlossen." Faber las mit verstellter Stimme, die Konsonanten verformte er zu einem Seufzlaut. Es klang wie jemand, der nach einem Schlaganfall langsam wieder das Sprechen erlernt. Im Fortgang wurde aus der schleppenden, mühsam sich vorwärtsdehnenden Rede ein eigenes Idiom. Da übte ein fremdes Wesen eine neue Phonetik ein. Der Effekt war gespenstisch. Am Ende der Lesung begriff man: Große Literatur kann weit kommen, sehr weit, unter Umständen sogar in die Sphäre des Anderen. Sie macht dieses Andere hörbar oder stellt zumindest die Suggestion her, es sei vernehmbar im Text.

Man darf nicht zu viel verraten. Was aus Peter, dem Missionar, wird, nachdem er eine Zeit lang bei den Oasiern gelebt, gemeinsam mit ihnen eine Kirche gebaut und auf jenen Feldern gearbeitet hat, wo dieses rätselhafte Kraut wächst, das keinen Geschmack hat und dabei schmecken kann wie jede nur erdenkliche Speise. Wie es für Peters Frau weitergeht auf der Erde, wo der Ausnahme- zum Normalzustand geworden ist.

Man muss jedem Leser die Befremdung lassen und das Erstaunen, die das Buch der seltsamen neuen Dinge bereithält. Lesend bei sich sein und doch nicht von dieser Welt – das ging lang nicht so gut wie mit diesem Roman.

Michel Faber: Das Buch der seltsamen neuen Dinge; a. d. Engl. v. Malte Krutzsch; Kein&Aber, Zürich 2018; 688 S., 25,– €, als E-Book 20,99 €