Der Whistleblower, der zuletzt die Welt bewegt hat, trägt pink gefärbtes Haar, Tarnklamotten und einen Fünftagebart. Christopher Wylie ist erst 29 Jahre alt, aber in der Welt der Datenverarbeitung schon ein Veteran.

Er lernte bei Barack Obamas oberstem Datenexperten, was man alles mit großen Beständen an persönlichen Informationen anfangen kann, er verfeinerte sein Wissen für die kanadische Opposition – und er vollbrachte sein Meisterstück, als er für die Datenanalysefirma Cambridge Analytica einen Weg erfand, Millionen von Facebook-Nutzerprofilen heimlich für politische Zwecke auszubeuten. Er sei der schwule kanadische Veganer, "der dabei half, Steve Bannons psychologische Kriegsmaschine" zu bauen, sagt Wylie über sich selbst, in Anspielung darauf, dass er Donald Trumps einstigem Chefstrategen Bannon assistierte. Diese Kriegsmaschine trug nicht nur dazu bei, dass Trump 2016 die Präsidentschaftswahl gewann, sondern spielte auch eine wichtige Rolle in der Brexit-Kampagne, die die Briten bewog, die Europäische Union zu verlassen. Irgendwann kamen Wylie Zweifel. Er wandte sich an die Medien, wurde zum Whistleblower und löste jenen Facebook-Skandal aus, der das soziale Netzwerk in diesem Frühling viel Reputation kostete und Mark Zuckerberg zu öffentlicher Abbitte zwang.

Die neue Stiftung "The Signals" will Whistleblower unterstützen

Der Facebook-Skandal ist das jüngste Beispiel dafür, wie globale, im Internet überlebensgroß gewordene Konzerne Schindluder mit persönlichen Daten treiben – und wie daraus eine Waffe im politischen Nahkampf entstehen kann. Big Data, also die Sammlung und Auswertung riesiger Datenbestände, spielt im Zuge der digitalen Revolution fast überall eine Rolle, bei Konzernen wie Facebook oder Google, aber auch bei der Deutschen Telekom, Volkswagen oder der Lufthansa.

Und Christopher Wylie ist das jüngste Beispiel dafür, wie wichtig es ist, dass sich Insider zu Wort melden, wenn sie den Missbrauch dieser Daten beobachten. Dass sie nicht grübeln, hadern und am Ende doch schweigen. Sondern dass sie zu Whistleblowern werden.

Eine neue Stiftung, "The Signals", hat sich jetzt zum Ziel gesetzt, Whistleblower bei diesem schwierigen, gefährlichen und mitunter existenzbedrohenden Schritt zu unterstützen. Die Stiftung, die im vergangenen Jahr von dem Franzosen Gilles Raymond gegründet wurde, offeriert juristische Beratung und praktische Hilfe, sie will Insidern dabei helfen, den Gang an die Öffentlichkeit zu wagen. Raymond hatte im Silicon Valley den Nachrichtenaggregator "News Republic" gegründet und im vergangenen Jahr für 57 Millionen Dollar verkauft.

Seine neue Stiftung kooperiert mit internationalen Medien, darunter Mediapart (Frankreich), der Daily Telegraph und WikiTribune (Großbritannien) sowie The Intercept (USA). In Deutschland ist die ZEIT dabei.

Wenn Journalisten fragen, welche Missstände es in Behörden oder im Umgang mit Daten gibt, dann handelt es sich nicht um einen Aufruf zum Denunziantentum, sondern um einen urdemokratischen Prozess. In der Demokratie spielt die Öffentlichkeit eine konstituierende Rolle, sie soll diejenigen kontrollieren, die über Macht und Einfluss verfügen. Sie ist für den Prozess der Checks and Balances, wie die Amerikaner es nennen, unverzichtbar. Missständen nachzugehen, sie zu benennen und damit der Gesellschaft die Grundlage für einen Prozess der Selbstheilung zu bieten – das ist die Rolle des Journalismus in einer Demokratie. Für diesen Prozess ist die Öffentlichkeit allerdings auf Mithilfe angewiesen. Guter Journalismus braucht Tipps und Insiderwissen. Er braucht Whistleblower wie einst Daniel Ellsberg, der 1971 mit den Pentagon-Papieren zeigte, wie die US-Regierung die Öffentlichkeit über den Vietnamkrieg getäuscht hatte.

Auch Akteure der Wirtschaft können die Demokratie bedrohen

"Transparenz führt zu Verantwortlichkeit und bietet den Bürgern Informationen über das, was ihre Regierung tut", so hat es der frühere US-Präsident Barack Obama ausgedrückt, der seine ganz eigenen Erfahrungen damit machte, als 2013 Edward Snowden die monströsen Überwachungsprogramme der National Security Agency enthüllte. Obama hat Snowden nicht vollständig verziehen, aber zum Ende seiner Amtszeit zumindest eingeräumt, Snowden habe als Whistleblower eine "wichtige Debatte" ausgelöst.

Aber Demokratien werden im digitalen Zeitalter nicht nur von ihren Feinden oder Überwachungsfantasien von Regierungen bedroht. Sie werden auch bedroht von transnationalen Akteuren in der Wirtschaft, die sich nur ihren Aktionären verpflichtet fühlen und sich jeder unabhängigen Aufsicht entziehen. Während Regierungen Kontrollinstanzen wie Untersuchungsausschüssen oder parlamentarischen Kontrollgremien Rechenschaft schuldig sind, fehlt all dies in der privaten Wirtschaft. Die Facebooks, Googles oder Amazons dieser Welt sind Giganten, von denen die Welt nur eine glitzernde Oberfläche erkennen kann. Was in ihrem Inneren geschieht, was mit unser aller Daten passiert und welche Grenzen dabei überschritten werden – das weiß kaum jemand. Mit dem Appell an potenzielle Whistleblower, sich bei den beteiligten Medien zu melden, geht es nicht darum, Unternehmen die Kontrolle über ihr Geschäftsmodell zu entreißen – wohl aber darum, illegalen Praktiken nachzugehen. Im Interesse von etwas, das größer ist als jeder Unternehmer oder Politiker: dem Gemeinwohl.

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