Spätestens seit dem Frühjahr ließ sich das Problem nicht mehr ignorieren. Die Zahl der Geflüchteten stieg, und es stand zu befürchten, dass sie weiter steigen würde. Eine internationale Zusammenkunft sollte Abhilfe schaffen. Die Wahl fiel auf den beschaulichen Ort Évian-les-Bains am Genfer See: Im etwas oberhalb gelegenen Hotel Royal kamen im Sommer Delegierte aus 32 vor allem westlichen Staaten zusammen. Die Konferenz begann unter großer Anteilnahme am 6. Juli 1938. Die Flüchtlinge, über die man sprechen wollte, waren die vom NS-Regime verfolgten Juden. Zehn Tage später stand fest: So gut wie kein Land wird seine Grenzen öffnen.

80 Jahre später sind weltweit rund 68 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg und Terror, vor Armut und Unwetter, vor Diskriminierung und Unterdrückung. Die reichen und freien Länder zeigen ihnen die kalte Schulter, Europa und die USA schotten sich ab.

Als die Welt die Juden verriet lautet der Titel einer jüngst erschienenen Darstellung des Évian-Dramas. Deren Autor Jochen Thies zieht eine direkte Parallele zum aktuellen Unwillen der westlichen Gesellschaften, Schutzsuchende aufzunehmen. Aber trifft diese Analogie zu?

Die Lage der heutigen Geflüchteten unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von derjenigen der rund 540.000 Juden, die Mitte 1938 noch in Nazi-Deutschland lebten. Zudem konnte – so offensichtlich es war, dass die jüdischen Deutschen Repressionen ausgesetzt waren – noch niemand ahnen, dass die Verfolgung in jenem Menschheitsverbrechen enden würde, das wir heute Holocaust nennen. Der Évian-Konferenz aus der Sicht der Beteiligten gerecht zu werden und sie zugleich im Licht der späteren Entwicklung zu betrachten ist daher eine gedankliche Herausforderung.

Seit 1933 hatte sich die Lage der Juden im Deutschen Reich stetig verschlechtert. Das NS-Regime verhängte Berufsverbote, entfernte Juden aus dem Staatsdienst. Geschäfte wurden boykottiert und Besitz "arisiert". Die Nürnberger Rassengesetze von 1935 beraubten die Juden, die aus dem öffentlichen Leben schon weitgehend verbannt waren, ihrer Bürgerrechte. Damit entfiel auch das "Frontkämpferprivileg" für die rund 100.000 Juden, die im Ersten Weltkrieg ihr Leben für das Deutsche Reich riskiert hatten. Während Zigtausende den Weg ins Exil gewählt hatten, hing die Mehrheit der Juden am Vaterland und wollte nicht wahrhaben, dass sich niemand schützend vor sie stellen würde.

Der "Anschluss" Österreichs im März 1938 führte schlagartig vor Augen, wie fatal die Situation war. Juden wurden auf der Straße verprügelt. In Wien zwang man sie, mit Zahnbürsten das Straßenpflaster zu putzen. Was sich im Deutschen Reich über Monate und Jahre vollzogen hatte, dauerte hier wenige Tage. Es musste etwas geschehen – aber was?

Zusätzlich zu den rund 200 Delegierten reisten zahlreiche Beobachter ins französische Évian, darunter Vertreter jüdischer Hilfsorganisationen. Ausrichter der Zusammenkunft sollte zunächst die Schweiz sein, deren Regierung den in Genf ansässigen Völkerbund-Organisationen aber keine Konkurrenz machen und vor allem den übermächtigen deutschen Nachbarn nicht verstimmen wollte. So entschied man sich für das französische Seeufer, die Einladung sprach US-Präsident Franklin D. Roosevelt aus.

Roosevelt wusste, dass die europäischen Juden, diese "unglückseligen Menschen", in Gefahr waren. Als rettenden Hafen wollten sich die USA jedoch nicht anbieten. Die Kontingente für Deutsche und Österreicher blieben auf jährlich 27.370 Personen beschränkt; an eine Aufstockung war angesichts der infolge der Weltwirtschaftskrise hohen Arbeitslosigkeit nicht zu denken. Die bedrohten Juden sollten vielmehr gleichmäßig verteilt werden – ohne einzelnen Nationen eine Erhöhung ihrer Kontingente abzuverlangen. Roosevelt zählte "14 oder 16 Millionen Juden auf der Welt". Die Hälfte von ihnen lebe in den USA. "Wenn wir die übrigen in acht oder zehn Gruppen aufteilen könnten", kalkulierte er, "würde es in drei bis vier Generationen keine Judenfrage mehr geben."

Dem Präsidenten schwebte eine privat-öffentliche Anstrengung der demokratischen Gesellschaften vor. Eine neu zu schaffende internationale Kommission sollte mit dem Deutschen Reich die Ausreise von Juden regeln – und die Nazis davon überzeugen, den Emigranten ihr Eigentum zu belassen. Dies, hoffte man, würde die Aufnahmebereitschaft der Zufluchtsländer erhöhen. So hatte sich die von den Nationalsozialisten später auf eine "Endlösung" hin radikalisierte "Judenfrage" gewissermaßen objektiviert: Man musste sie lösen, nur anders als die Nazis.