Die Chancen standen schlecht. Die Rezession heizte rund um den Globus die Fremdenfeindlichkeit an, was die Juden als Paria-Volk am meisten traf. Statt die Grenzen zu öffnen, wollte man sie vielerorts hochziehen – nicht zuletzt gegen den womöglich zu erwartenden Exodus ärmerer Juden aus Osteuropa.

Damit nahm die Konferenz die Reaktion der osteuropäischen Staaten vorweg, die in Évian nicht vertreten waren, in denen aber "die andere Hälfte" der Juden – damals rund 4,5 Millionen – lebte, vor allem in Polen. Dort grassierte (man darf es dort heute kaum ungestraft äußern) ein ungezügelter Antisemitismus. Ende März 1938 hatte die Regierung die Aufhebung der Staatsangehörigkeit für alle verfügt, die sich länger als fünf Jahre außerhalb des Landes aufhielten. Das richtete sich gegen die Rückkehr polnischer Juden aus dem Deutschen Reich und machte sie zu Staatenlosen. In Ungarn erhöhte die antisemitische Pfeilkreuzler-Bewegung den Druck, in Rumänien die National-Christliche Partei, in ganz Ostmitteleuropa kam es zu Boykotts und Pogromen.

Die Verhandlungsführer der "großen Drei", Myron C. Taylor für die USA, Lord Winterton für Großbritannien und Henry Bérenger für Frankreich, spielten auf Zeit. Frankreich drohe "die Selbstzerstörung auf dem Altar der Nachbarschaftsliebe", kommentierte die katholische Zeitung La Croix. Großbritannien wollte die jüdisch-arabischen Konflikte in seinem Mandatsgebiet Palästina nicht noch verschärfen, wo bereits 1933 rund 200.000 Juden lebten. "Das Vereinigte Königreich", stellte Lord Winterton kategorisch fest, "ist kein Einwanderungsland."

Die in Évian vertretenen britischen Dominions Kanada und Australien bewegten sich in dem tagelangen Pokerspiel ebenso wenig wie die meisten süd- und mittelamerikanischen Staaten. "Man wird zweifellos verstehen", sagte der australische Delegierte, "dass wir, die wir kein wirkliches Rassenproblem haben, auch nicht wünschen, ein solches bei uns einzuführen." Einzig Virgilio Trujillo Molina, der Bruder des Diktators der Dominikanischen Republik, machte ein vergiftetes Angebot: Er wollte "weiße" Einwanderer aufnehmen, um die "Rassenbilanz" des Karibikstaates zu verbessern.

Es zirkulierten auch Pläne, Juden in Kenia oder anderen "menschenleeren" Kolonialregionen anzusiedeln. Aus der Mottenkiste des Antisemitismus wurde der im 19. Jahrhundert von dem nationalreligiösen deutschen Ideologen Paul de Lagarde erfundene "Madagaskar-Plan" hervorgeholt, dessen Grundidee die "Säuberung" der gesunden europäischen "Volkskörper" von "artfremden" Juden war. Auch in Polen war diese Idee populär, verbunden mit Kolonialträumen. Einzig der verspätet eingetroffene Adolfo Costa du Rels, der Vertreter Boliviens, schlug andere Töne an. Man müsse aufhören, bloße Realpolitik zu betreiben, wenn es heißen müsse: Menschlichkeit zuerst! Ein Hilfsangebot hatte allerdings auch er nicht in der Tasche.

So wurde im Hotel Royal viel geredet, aber wenig ausgehandelt. Die Redner beklagten wortreich das große Leid – in den potenziellen Aufnahmeländern. Das einzige Ergebnis war die Gründung des von Roosevelt vorgeschlagenen Komitees, das die Arbeit der Konferenz fortsetzen sollte.

Die Juden begriffen, dass ihnen niemand zu Hilfe kommen würde. "Dazusitzen, in diesem wunderbaren Saal, zuzuhören, wie die Vertreter von 32 Staaten nacheinander aufstanden und erklärten, wie furchtbar gern sie eine größere Zahl Flüchtlinge aufnehmen würden und wie schrecklich leid es ihnen tue, dass sie das leider nicht tun könnten, war eine erschütternde Erfahrung." So schilderte die als Beobachterin anwesende Golda Meïr, die spätere Premierministerin Israels, ihre Verzweiflung. "Ich hatte Lust, aufzustehen und sie alle anzuschreien: Wisst ihr denn nicht, dass diese verdammten 'Zahlen' menschliche Wesen sind, Menschen, die den Rest ihres Lebens in Konzentrationslagern oder auf der Flucht rund um den Erdball verbringen müssen wie Aussätzige, wenn ihr sie nicht aufnehmt?"

Die Welt, sekundierte ihr Chaim Weizmann, der als Vorsitzender der Zionistischen Weltorganisation auf Druck der Briten erst gar nicht angereist war, zerfalle in zwei Hälften – in eine, in der Juden nicht leben könnten, und eine andere, die sie nicht hereinließ. Genau das geschah wenig später in der Grenzstadt Zbąszyń nahe Posen. Hier, im Niemandsland zwischen Polen und Deutschland, strandeten im Herbst 1938 rund 17.000 polnische Juden, die man aus dem Deutschen Reich abgeschoben hatte. Es gab kein Vor und kein Zurück. "Auswanderung ohne Einwanderung" – auf diese Formel hat der Historiker Dan Diner die Tragödie gebracht.

Die Nationalsozialisten nahmen die Debatten in Évian mit zynischem Amüsement zur Kenntnis. Der Völkische Beobachter ätzte, man habe der Welt ihre geliebten Juden angeboten, aber: "Keiner will sie." Zufrieden registrierte man, dass Vertreibung und Schlimmeres offenbar widerstandslos hingenommen werden. Das "jüdische München", wie man Évian deshalb bezeichnet hat, nahm das Appeasement Großbritanniens und Frankreichs im Münchner Abkommen vom September 1938 vorweg, das der Besetzung des Sudetenlandes den Weg bereitete.