Dinosaurier

Als Jurassic Park ins Kino kam, war ich acht Jahre alt. Für ein paar Jahre war Jurassic Park der erfolgreichste Film der Welt, das schwarz-rote Kinoplakat mit dem Knochenschädel des Tyrannosaurus Rex kennt vermutlich jeder. Ich war noch zu jung, um mir ansehen zu dürfen, wie die reanimierten Dinosaurier herummetzelten. Womöglich hat das für einen lang anhaltenden Phantomschmerz gesorgt.

Jedenfalls kaufte ich mir gut zehn Jahre später einen Dino-Anhänger aus billigem Modeschmuck. Irgendwie gefiel mir das: das tonnenschwere Biest so leicht mit mir herumzutragen. Ich legte den Anhänger so lange nicht mehr ab, bis das Tier an den Hörnern zu rosten begann und ich es opfern musste. Zum Trost schenkte mir mein Freund einen Triceratops aus Gold. Der hängt immer noch um meinen Hals.

Nur ist er längst nicht mehr der einzige Dinosaurier in meinem Leben. Es folgte eine Version aus Porzellan, die ich über eBay erstand: geordnete Zahnreihe, Marke Gräfenthal, ein T-Rex in Angriffspose. Als der fünfjährige Sohn eines Freundes mit einem Dino-Pulli auftauchte, wollte ich unbedingt auch so einen. Das Problem: Dino-Pullis gab es reichlich, allerdings nicht für Erwachsene. Da wurde ich trotzig und suchte online, bis ich in einem amerikanischen Vintage-Shop fündig wurde. Gestrickt fände ich ja schick, dachte ich. Und gestrickte Dino-Modelle in Größe S gab es sogar, allerdings kosteten die 600 Euro. Glücklicherweise war am Ende eine Freundin meiner Mutter so gut, mir einen T-Rex-Pullover zu stricken. Als Dank schenkte ich ihr eine Kiste Rotwein.

Inzwischen gehe ich ins Naturkundemuseum, um mir Knochenhochhäuser anzusehen, halte an Orten, die sich Dinosaurierland nennen – und freue mich immer wieder, wenn ich mir unbekannte Exemplare antreffe. Wenn auf Plakaten eine "Reise in die Urzeit" beworben wird, mache ich sofort mit. Ich laufe dann an riesigen Dinosauriermodellen vorbei und bin in der Cafeteria die Einzige, die Kaffee bestellt, weil sonst nur colatrinkende Kinder in der Schlange stehen.

Ich finde, dass Dinosaurier sehr erwachsenengerechte Lieblingstiere sind. Nicht zu süß (wie Katzen), nicht zu pink (wie Flamingos), und jenseits ihres beeindruckenden Äußeren liefern sie zuverlässig eine Menge Gesprächsstoff. Kürzlich saß ich mit einer Freundin zusammen, die ebenfalls Saurier mag und im Gegensatz zu mir schon als Kind das gesamte Sortiment von Pullover bis Schulranzen besaß. Wir kamen auf die doch recht kleinen Gehirne dieser Riesentiere zu sprechen. Das des Stegosaurus zum Beispiel, der mehr als sieben Meter lang werden konnte, war nicht größer als eine Nuss. Und der T-Rex hatte im Vergleich zu seinen Artgenossen zwar einen der größten Schädel, sein Hirn aber blieb winzig klein.

Plötzlich wurde uns klar: Dinos waren die absoluten Poser. Das Urmodell jener Typen, die heute getunte Karren mit geilen Felgen fahren; die dafür sorgen, dass ein Sender wie DMAX Erfolg hat; die sich im Fitnessstudio riesige Bizepse antrainieren und an einem Dreieckskreuz arbeiten. Wo der Triceratops Nackenschilde hatte, haben sie ausgeprägte Trapezmuskeln.

Ich mag Poser. Ehrlich. Es darf ruhig ein bisschen zu viel blinken, funkeln, dröhnen, egal, Hauptsache, geil! Das finde ich gut. Und gegen eine ausgeprägte Trapezmuskulatur habe ich auch nichts einzuwenden.

Was ich mich seit dem Gespräch allerdings frage: Ist mein verspäteter Hang zu Dinos am Ende nichts als ein klammheimlicher Weg, meine Liebe zu Posern auszuleben?

Aber vielleicht hat sich das Posertum längst auf andere Weise in mein Leben gedrängt. Pose ich inzwischen mit meiner Sammelleidenschaft? Nach dem Besuch im Dinoland postete ich natürlich auf Instagram gleich den Dino-Aschenbecher Zigarettosaurus, der neben dem Eingang stand. Und schon der handgestrickte Dino-Pullover war ein klares Zeichen für mein Umfeld: Achtung, jetzt wird’s obsessiv! Seitdem bekomme ich lauter Dino-Dinge geschenkt: Demnächst zum Beispiel werde ich eine Wanderung mit einem Dinosaurierforscher unternehmen. Nachdem der Schenkende und ich endlich einen Termin gefunden hatten, schrieb ich ihm zurück: Notiert! Und hängte gleich noch zwei an.