Wahrscheinlich werden unsere Nachkommen in ein paar Generationen finden, wir hätten es besser wissen müssen. Wie wird es rückblickend wirken, dass die meisten sich behaglich einrichteten, obwohl bekannt war, dass die Menschheit gerade den Planeten ausbeutet, die Vielfalt der lebenden Arten dezimiert und ihren Reichtum auf Kosten ihrer natürlichen Lebensgrundlagen mehrt? Was kann ein Einzelner schon tun, denken wir und trauen uns kaum, so weit vorauszudenken.

Donna J. Haraway hat dagegen in ihrem neuesten Buch furchtlos ein faszinierendes Zukunftswesen erfunden: Camille, ohne Geschlecht und halb Menschenkind, halb Schmetterling von der Art der Monarchfalter. Aus Camilles Sicht leben wir Heutigen in einer "schrecklichen Zeit", dem sogenannten Anthropozän. Der viel besprochenen Epoche also, in der die Menschen in die geologische Gestalt der Erde eingreifen, ohne so recht zu wissen, wie mit dieser Macht verantwortungsvoll umzugehen wäre. Die Biologin und Wissenschaftshistorikerin Haraway hat indes eine Vorstellung davon, was den Menschen diese Verantwortung lehren könnte: wenn er in verwandtschaftlichen Beziehungen auch mit nicht menschlichen Wesen leben würde. Wenn wir auf die Lebensumstände von Pflanzen, Tieren, sogar fernen Arten wie Bakterien oder Korallen mindestens so gefühlvoll achten müssten wie auf das Gedeihen unserer eigenen Brut, unserer Kinder.

Im letzten Kapitel ihrer Textsammlung Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän entwirft sie diese Vorstellung als futuristische Kurzgeschichte. Vor der Geburt werden Camille Genfolgen der Monarchfalter eingesetzt. Das menschliche Wesen trägt deshalb das Muster der Schmetterlingsflügel auf der Haut und vermag "die zarten chemischen Signale im Wind wahrzunehmen, die so wichtig für die erwachsenen Monarchen sind, um verschiedene nektarreiche Blumen und die besten Seidenpflanzenblätter für die Ablage ihrer Eier auszuwählen". Diese Seidenpflanzen sind durch Gentechnik und Chemikalien in Gefahr. Und Camille verfügt nun eben über den körperlichen Sinn, um zu spüren: Die Lebensgrundlagen des verschwisterten Tieres sind bedroht. Diese Fähigkeit wird in die nächsten Generationen weitergegeben und erstarkt, sodass die Camilles Nummer zwei, drei, vier und fünf immer schmetterlingsähnlicher werden und sich immer empathischer für das Leben des Monarchfalters einsetzen. Andere Menschen tragen die Gene anderer Tiere, und weil sie alle die "Verwandtschaft der Arten" pflegen, bekommen sie nicht mehr so viele menschliche Kinder. Die Überbevölkerung der Erde geht zurück.

"Macht euch verwandt, nicht Babys!" lautet Haraways Forderung, die sie mit dieser Geschichte illustriert. Die anderen Texte des Bandes Unruhig bleiben sind theoretische Essays, und sie zeigen: Haraway meint das ernst. Sie entwickelt ihr gegenaufklärerisches Denken, das sich gegen die anthropozentrische Vernunft des Westens wendet: Der Mensch soll sich nicht so wichtig nehmen und sich lieber seine Abhängigkeit von anderen Kreaturen, Dingen und Technologien klarmachen und deren Abhängigkeit von ihm. Das Anthropozän können wir nur hinter uns lassen, so die These, wenn wir uns als ein besonders empathisches unter den vielen Wesen im Humus des Planeten, dem Komposthaufen des Lebens, fühlen.

Ihr Slogan "Macht euch verwandt, nicht Babys!" ist der neueste in einer Folge, mit der die 1944 geborene Amerikanerin zur Klassikerin der feministischen Theorie geworden ist. In ihrem Cyborg Manifesto schrieb sie zum Beispiel: "Ich wäre lieber Cyborg als Göttin" und setzte sich schon 1984 mit Problemen auseinander, die uns heute noch unter dem Schlagwort Identitätspolitik beschäftigen. Denn sie argumentierte gegen eine essenzialistische Vorstellung von Weiblichkeit, Geburt und Mutterschaft, die Natürlichkeit wie etwas Heiliges feiert: "Vielleicht besteht die entscheidende Herausforderung von Gentechnologie und der damit verbundenen Reproduktionstechnologien darin, dass sie unser Vertrauen in die Naturhaftigkeit unserer Körper erschüttern, unsere Vorstellung davon, wo unsere Körper enden und die Umwelt oder andere Menschen beginnen." Und wenn die Unberührtheit der Körper nun einmal verloren sei, müssten Frauen sich die Technologien aneignen, die sie vom Schicksal ihrer Biologie befreien könnten. Denn sonst sind es andere, die jene Technik nutzen, um über die Körper der Frauen zu herrschen. Diese Befürchtung kommt uns nicht mehr fremd vor in einem Jahrzehnt, das social freezing hervorgebracht hat – eine Technologie, die Arbeitgeber weiblichen Angestellten bezahlen können, damit die ihre Eizellen einfrieren und in jungen Jahren arbeiten, statt Kinder zu bekommen.

Das Cyborg-Manifest fand weiten Widerhall in Kunst und Popkultur. Systematisch rezipiert wurde Haraway allerdings weit weniger als beispielsweise ihre Kollegin Judith Butler. Dazu schreibt sie zu unordentlich, obsessiv und verrückt. In den Texten des neuen Bandes Unruhig bleiben mischt sie übergangslos Essayistisches, Erzählerisches und Fallbeispiele für das Zusammenleben der Arten. Sie nennt das "spekulativen Feminismus". Zudem ist das Buch mit neologistischen Fachbegriffen gespickt wie jenem des "Chthuluzän". Die "chthonischen" sind in der griechischen Mythologie die Götter der Mutter Erde. Und auch die Menschen sollten nach Haraways Vorstellung in einem neuen Zeitalter auf der Erde leben wie Getier in der Erde, als hätten sie Tentakel und Fühler, mit denen sie die Materie und die Mitwesen um sich herum spüren. So opak sich ihre Theorie liest, so inspirierend stechen die Bilder und Ideen hervor.

Man könnte nun argwöhnen, hier breche sich nichts anderes als eine fragwürdige Ganzheitlichkeitsesoterik Bahn. Dazu aber ist Haraway zu sehr Materialistin und mahnt: "Niemand lebt überall; jeder lebt irgendwo. Nichts ist mit allem verbunden; alles ist mit etwas verbunden." Dennoch schimmern ihre Ideen immer wieder gefährlich. Einer mehrere Seiten langen Fußnote bedarf es, um die Parole "Macht euch verwandt, nicht Babys!" vor bestimmten Assoziationen zu schützen: Biopolitische Bevölkerungskontrolle führe immer zu fatalen Folgen, schreibt Haraway. Unter Zwang beeinflussen zu wollen, ob Menschen Babys bekommen, sei "auf jeder nur vorstellbaren Ebene" falsch. Man müsse sich andererseits mit der Aussicht konfrontieren, "dass 7 bis 11 Milliarden Menschen", die bis Ende des 21. Jahrhunderts auf der Erde leben könnten, "Bedürfnisse haben werden, die nicht ohne immensen Schaden für menschliche und nicht-menschliche Wesen überall auf der Erde befriedigt werden können".

Haraway schlägt also vor, Fortpflanzung sparsam zu betreiben und sie aufzuwerten: "Ich bin der Meinung, dass Babys selten, gehegt und kostbar sein sollten. Und Verwandtschaft sollte üppig, unerwartet, dauerhaft und kostbar sein." Wir sollen also völlig freiwillig das Bedürfnis hintanstellen, unsere Gene in die Zukunft der Generationen hinein zu verewigen? Haraways Erwartungen daran, was der Mensch aus Vernunft zu tun bereit wäre, wirken aufsehenerregend optimistisch – um nicht zu sagen unmenschlich hoch.

Donna J. Haraway: Unruhig bleiben. Campus Verlag, Frankfurt a. M. 2018; a. d. Engl. von Karin Harrasser; 350 S., 32,– €, als E-Book 27,99 €

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