Die Weltpolitik mag sich überschlagen – im Kleinen kommt manches viel zu langsam voran. Das Fahrrad zum Beispiel. Jeden Morgen der gleiche Kampf: Auf der Fahrt zur Redaktion die mehrspurige Hauptstraße ohne Radweg, stilles Flehen, dass die bretternden Autos einen nicht umfahren und die Parkenden einem die Tür nicht vor das Vorderrad knallen. Am Ziel sind alle Fahrradständer belegt. Also um den Block tigern, einen freien Laternenpfahl suchen, um das Rad daranzuketten – und hoffen, dass sich keiner mokiert. Normal.

Moment mal.

Geht’s noch? War nicht eben noch vom Klimawandel und von Feinstaub die Rede, davon, dass die Deutschen immer dicker werden? Dass die Staus immer länger werden und die Städte lauter? Und wir Radler, die Staus, Dreck und Krach vermeiden, müssen unsere Fahrräder an Laternen ketten? Im Jahr 2018?!

Das Radfahren ist ein politisches Mysterium. Es ist gut für die Umwelt, gut für die Städte, gut für die Menschen. Die tun es sogar freiwillig! In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Radfahrer gestiegen, 30 Millionen Deutsche nutzen mehrmals pro Woche das Rad, sie machen zwölf Prozent des Verkehrs aus. Und das trotz aller Widrigkeiten. Ihnen das Leben leichter zu machen würde wenig kosten und das Image jeder Stadt aufpolieren. Vernünftigerweise sollte man ihnen also autofreie Trassen bieten und überdachte Stellplätze, Steuererleichterungen und Abwrackprämien. Radfahrern müsste der rote Teppich ausgerollt werden.

Stattdessen gibt der deutsche Staat gerade mal 0,5 Prozent seiner Verkehrsinvestitionen für Radinfrastruktur aus. Radfahrer fristen ein Dasein am Rand von Autoschneisen, manchmal in Lebensgefahr. Erst in der vergangenen Woche wurde in Berlin ein achtjähriger Radfahrer von einem Lkw totgefahren.

Warum tut sich so wenig? Liegt es an der deutschen Liebe zum Auto? Der mächtigen Autoindustrie? Zum Teil sicherlich. Es liegt aber auch an uns Bürgern. Wir denken zu klein. Wir finden es normal, dass man an manchen Straßen sein eigenes Wort nicht versteht. Dass man die Luft anhält, wenn man eine große Kreuzung überquert. Es fällt uns nicht mehr auf, dass vor unseren Türen kein Grün ist, sondern Parkplatzbeton. Wir wünschen uns zusätzliche Fahrradständer – statt eine bessere Stadt.

Stellen wir uns vor, wie Städte aussähen, wenn dort vor allem Räder und Fußgänger unterwegs wären. Wie still es wäre! Wie man, ohne angehupt und vollgequalmt zu werden, sicher in die Innenstadt radeln könnte. All der freie Platz! In Frankfurt am Main widmet sich zurzeit eine ganze Ausstellung solchen Szenarien.

Wir brauchen dieses Bild im Kopf, bevor wir über konkrete Maßnahmen sprechen.

Was nötig wäre, haben Fahrradverbände wie der ADFC längst aufgeschrieben: erstens mehr Platz. Radwege müssen breiter werden, auch auf Kosten der Autostraßen. Sobald Radfahren sicherer wird, tun es auch mehr Menschen. Zweitens mehr Stellplätze, nah und sicher. Drittens bessere Mitnahmemöglichkeiten von Rädern in Bussen und Bahnen. Viertens mehr Nützliches für Radpendler, zum Beispiel Umkleiden am Arbeitsplatz.

Ein bisschen tut sich was. Leihräder haben die Städte erobert, mehr Fahrradstraßen werden gekennzeichnet. Der Bund hat einen "Aktionsplan", und einzelne Kommunen sind wirklich aktiv. Das bergige Wuppertal zum Beispiel, wo eine stillgelegte Bahntrasse zum zentralen Radweg ausgebaut wurde. Doch selbst die ambitioniertesten Projekte sehen klein aus, wenn man sie an dem misst, was normal sein müsste. Für eine echte Wende muss das Auto Platz machen. Und der Staat bei seinen Investitionen neue Prioritäten setzen. Aktuell gibt er etwa 6 Euro pro Kopf und Jahr für Fahrradinfrastruktur aus, Verbände fordern eine Erhöhung auf 25 Euro – und das ist wenig im Vergleich zu dem, was andere Länder ausgeben.

Auf dem Vorplatz zu unserem Redaktionsgebäude sollten einst neue Fahrradständer aufgestellt werden. Das scheiterte auch aus Feuerschutzgründen, die Bügel passten nicht in die enge Stadt. Mir beweist das eines: Wir müssen unser Stadtbild ändern, unsere Idee vom Fortkommen und vom Fortschritt.