Lässig stehen die Polizisten vor dem Eingang der Primarschule Saint-Roch in der Sonne. Die Pistole im Halfter, ein Lächeln im Gesicht. Die Typen, wegen derer die flics an diesem Freitag im Lausanner Viertel Maupas patrouillieren, sie sind nirgends zu sehen. Die Drogendealer, die hier herumlungern und auf Kundschaft warten, Dutzende waren es noch zwei Wochen zuvor, sind an diesem Tag gar nicht erst aufgetaucht. Auch sie haben mitbekommen: Nun weht ein anderer Wind.

Der Mann, der dafür verantwortlich ist, baut sich vor den Polizisten auf, um ihnen für ihre Präsenz zu danken: Es ist Fernand Melgar, 56. Seit vierzig Jahren wohnt er im Quartier.

Vor ein paar Wochen hat ihn die Wut gepackt. Was dann geschah, das hat das Leben in diesen Straßen verändert – und sein eigenes erschüttert.

Ende Mai veröffentlichte Melgar, der mehrfach preisgekrönte Dokumentarfilmer, einen Gastbeitrag in der Zeitung 24 heures. "Es ist nicht hinnehmbar, dass die organisierte Kriminalität auf meiner Straße ein florierendes Geschäft aufrechterhält." Und er stellt die Frage: "Müsste man nicht die Stadt Lausanne für jeden Jugendlichen, der an einer Überdosis stirbt, wegen fahrlässiger Tötung strafrechtlich verfolgen?" Ein paar Tage später legt der Empörte nach. Auf Facebook postet er Bilder von jungen, dunkelhäutigen Männern, die an den Außenmauern von Saint-Roch lehnen. "Das sind sechs der 22 Dealer, die am Montag um 15.30 Uhr vor der Schule darauf warten, dass die zehn- bis sechzehnjährigen Schüler herauskommen", schreibt er dazu. Politik und Polizei würden seit Jahren untätig zusehen.

Der Beitrag wird mehr als 8.000-mal geteilt, lokale Zeitungen und das welsche Radio und Fernsehen berichten darüber. Melgar wird in Diskussionssendungen eingeladen. 400 Menschen demonstrieren auf der Place Chauderon, einem der größten Drogenumschlagsplätze der Stadt, gegen das Nichtstun der Behörden. Und auf Facebook eskaliert, wie so oft, die Diskussion: Die Dealer gehören unter die Guillotine, heißt es. Einige rufen dazu auf, Bürgermilizen zu bilden, um die Händler zu verprügeln.

Melgar betritt er das Café Coquelicar mitten in Maupas. Seit Jahren verkehrt er hier, doch seit seinem Facebook-Post wird er als eine Art Winkelried verehrt und gefeiert. An den Nebentischen wird getuschelt, eine Rentnerin kommt auf Melgar zu, um ihm für seinen Mut zu danken: "Endlich sagt es einer. Du hast unsere volle Unterstützung, Fernand!"

Es ist ein neue, unbekannte Rolle für den Regisseur, der sich in seinen Arbeiten sehr zurücknimmt, der die Bilder und die Dialoge ohne einordnende Worte für sich sprechen lässt.

"Ich komme langsam voran, aber niemals vom Weg ab" – Filmregisseur Fernand Melgar © Jean-Christophe Bott/KEYSTONE/Picture-Alliance/dpa

Für seinen Film La Forteresse (2008) begleitete er Asylbewerber, die im Auffanglager in Vallorbe darauf hofften, in der Schweiz bleiben zu dürfen; in Vol spécial (2011) widmete er sich dem Schicksal jener Flüchtlinge, deren Hoffnung enttäuscht wurde, die im Genfer Gefängnis Frambois bis zu 18 Monate auf ihren Ausschaffungsflug warten mussten; 2014 dokumentierte er in L’abri die Lebensbedingungen von Sans-Papiers in einer Lausanner Zivilschutzanlage, die als behelfsmäßige Notschlafstelle dient.

Seine Filme, allesamt große Publikumserfolge und von Kritikern genauso gefeiert wie von Schweizer Bundesrätinnen, begründeten Melgars Ruf als Ikone der humanistischen Linken. Ein Mann, bekannt dafür, sich für die Rechte von Migrantinnen und Migranten einzusetzen.

Umso lauter ist nun seit Wochen die Empörung, da ausgerechnet er, ausgerechnet Fernand Melgar die jungen Afrikaner anprangert, die sein Quartier peu à peu in Besitz genommen hätten. Die radikale Linke, die in Lausanne stärker ist als in allen anderen Schweizer Städten, wirft Melgar vor, er würde die Kleinen attackieren, anstatt sich auf die Großen einzuschießen. Die Drogenbosse und deren mafiösen Netzwerke, nicht die Straßendealer seien das echte Problem; die linke Zeitung Le Courrier schrieb, der früher für Ungerechtigkeiten so empfindliche Cineast sei zu einem zerstörerischen Sprengmeister mutiert. Die Bewegung Ensemble à gauche wirft ihm vor, er sei ein Verräter, der sich mit der SVP ins Bett lege.