Ausgerechnet Italien und Griechenland sollen Angela Merkel aus der Patsche helfen – zwei Länder, in denen sich die Sympathien für die Kanzlerin, zurückhaltend formuliert, in Grenzen halten. Zu hart, zu unnachgiebig, zu wenig solidarisch waren die Deutschen ihnen in der Euro-Krise begegnet, so jedenfalls hatte es eine Mehrheit der Italiener und der Griechen empfunden. Und nun braucht Merkel ebendiese beiden Länder, um ihre Kanzlerschaft zu retten – was für eine Pointe!

Und was für eine Gelegenheit – für die Italiener und die Griechen.

Es geht gerade vieles durcheinander in der europäischen Flüchtlingspolitik. Italien sperrt die heimischen Häfen für Schiffe, die Flüchtlinge aus Seenot retten, ruft aber zugleich nach europäischer Solidarität. Die Europäische Kommission vermeldet stolz, wie sehr die Zahl der Asylsuchenden in der Union gesunken ist, während die deutsche Regierung sich über ebenjene Asylsuchenden zerlegt. Und Angela Merkel, die jahrelang die europäische Politik dominiert hat, tritt plötzlich als Bittstellerin auf. Verkehrte Welt.

Um den Konflikt mit der CSU zu befrieden, hat Merkel versprochen, dass Flüchtlinge, die bereits in einem anderen EU-Land einen Asylantrag gestellt haben, auch dorthin zurückgeschickt werden – ohne dass man sie an der deutschen Grenze einfach abweist, wie es Horst Seehofer fordert. Dafür will Merkel mit den betroffenen Ländern gesonderte Abkommen schließen.

Als Vorbild hierfür wird immer wieder auf eine Abmachung verwiesen, die Italien und Frankreich bereits vor mehr als 20 Jahren geschlossen haben, das sogenannte Abkommen von Chambéry.

Mit diesem Abkommen soll verhindert werden, dass Migranten, die sich illegal in Italien aufhalten, ungehindert nach Frankreich weiterreisen können. Dafür arbeiten italienische Polizisten eng mit französischen Grenzschützern zusammen. Migranten, die auf der französischen Seite der gemeinsamen Grenze oder in einem der Züge, die die Grenze passieren, aufgegriffen werden, dürfen von den französischen Behörden nach Italien zurückgeschickt werden. Das waren nach französischen Angaben allein im vergangenen Jahr 56.000 Menschen. Zudem sieht das Abkommen gemeinsame Koordinationszentren vor, um die illegale Migration zwischen den beiden Ländern zu managen.

Als Vorbild für die aktuelle Situation taugt das italienisch-französische Abkommen jedoch kaum. Zum einen zielt es ausdrücklich auf illegale Zuwanderer, nicht auf Asylbewerber – um die geht es in der Auseinandersetzung zwischen Merkel und Seehofer. Zum anderen teilen Frankreich und Italien eine gemeinsame Grenze; wenn Deutschland Flüchtlinge nach Italien zurückführen will, liegt Österreich dazwischen. Und schließlich hat das Abkommen von Chambéry nicht verhindern können, dass es zwischen Frankreich und Italien immer wieder zu Streit gekommen ist.

Das zweite Vorbild, auf das in Berlin in diesen Tagen häufig hingewiesen wird, ist das umstrittene Flüchtlingsabkommen zwischen der EU und der Türkei. Merkel hatte es im Frühjahr 2016 durchgesetzt. Die EU hatte der Türkei damals in Aussicht gestellt, ihr eine größere Zahl von Flüchtlingen abzunehmen, vornehmlich aus Syrien. Im Gegenzug verpflichtete sich die Regierung in Ankara dazu, die illegale Migration über die Ägäis nach Griechenland zu unterbinden. Außerdem zahlen die Europäer der Türkei bis zu sechs Milliarden Euro, um die Lebensbedingungen für die Flüchtlinge dort zu verbessern.

Gerald Knaus, einer der Urheber des Türkei-Deals, hält es für denkbar, diese Ansätze auch auf die Situation innerhalb der EU zu übertragen. Eine Gruppe von Ländern – Knaus nennt Deutschland, Frankreich, Spanien und die Benelux-Staaten – könnte Griechenland und möglicherweise auch Italien zusagen, eine bestimmte Zahl an anerkannten Flüchtlingen freiwillig abzunehmen. Gleichzeitig müssten sich Griechenland und Italien verpflichten, mit Deutschland und den anderen Ländern zusammenzuarbeiten, um die Asylverfahren und mögliche Rückführungen in Drittstaaten deutlich zu beschleunigen. Knaus hofft, dass in der Folge weniger Migranten in der EU ankommen und Asylbewerber innerhalb der Union nicht mehr weiterreisen würden. Das Problem, über das Merkel und Seehofer streiten, würde sich so gleichsam von selbst erledigen.